"Hunger nach Sinn"
Fünf Szenen nach Alexander Kluge, Bearbeitung Kevin Rittberger
Regie: Judith Kuckart
Ausstattung und Video: Martin Rottenkolber
Premiere 2009 Kammerspiele Paderborn
Mitwirkende: Kerstin Westphal und Andreas Meyer

Nachwirkung von Sommernächten

Alexander Kluge habe ich Anfang der achtziger Jahre in Berlin kennen gelernt, als die Stadt noch geteilt, manches Haus aus Spekulationsgründen unbewohnt und ich vierundzwanzig war. Meistens probte ich für unser Tanztheaterstück „Kassandra“ nach einem Text von Christa Wolf. Manchmal trieb ich mich in jenen besetzten Häusern herum und fühlte mich einer politischen Bewegung zugehörig, wenn auch nur am Rand, was mir trotzdem eine Anzeige wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt einbrachte. In einem der besetzten Häuser – Nähe Anhalter Bahnhof – habe ich Alexander Kluge eine Woche lang erlebt, wie er in einem verdunkelten Raum, der früher ein Blumenladen gewesen war, seine Filme zeigte und anschließend oben auf dem flachen Dach mit uns diskutierte. Er erklärte, dass in privaten Lebensläufen nicht nur traurige Geschichten, sondern auch Geschichte festgehalten werde, dass das Inventar, mit dem wir uns letztendlich orientieren, die Macht der Gefühle sei und nicht die Vernunft oder eine Skala von wackeligen Werten. Er versicherte uns, dass wir viel mehr wissen als wir verstehen, dass in den Grundfesten unseres Staates Leichen eingemauert sind und dass die Überlebenden darüber meistens schweigen, aber die Toten reden. Wir sprachen auf jenem illegalen Dach und dort dem Himmel ein wenig näher darüber, worauf man vertrauen, wie man sich schützen und was man fürchten müsse, und dass das Eigentum, welches unbestritten ein jeder von uns besitzt, seine Lebenszeit ist und seine Libido. Ich erinnere mich, welche Stimmung jene Gespräche beherrschte.
Es war die politische und persönliche Gestimmtheit dieses damals für uns schon älteren Herrn Kluge mit den schweren Augen, der sanft und vehement zugleich auf uns einredete. Er w a r die Sommernacht.

Fünfundzwanzig Jahre später.
„Hunger nach Sinn“ heißt der Theaterabend mit Texten von Kluge, in dem ich versucht habe, seine Denk- und Arbeitsweise sowie seinen Glauben an die Macht der Gefühle im Kopf und im Herzen zu haben, während ich ein Konzept suche und zu proben beginne. In seinen Filmen hat Kluge, den man als den deutschen Godard bezeichnet, eine besondere unmethodische Methode angewandt, die durch die Spielweise seiner Darsteller deutlich wird, wenn er ihnen innerhalb einer Szene den Text freigibt, so dass sie zur Hälfte als fiktionale Spieler auftreten, zur Hälfte aber die Rolle mit persönlicher Erfahrung füllen.
Und wir jetzt? Was konnten wir da auf der Bühne Ähnliches und doch Eigenes finden?
Ein Beispiel: Die Szene „Ursprüngliche Uneinigkeit“ zeigt mit jedem Satz, dass man nie weiß, wie viele da eigentlich sprechen, wenn es um Zank geht. So viele Mittel, wie ein zankender Mensch einsetzt, so viele Menschen ist er in dieser speziellen Situation, die bei manchen Paaren zum Beispiel ein ganzes Leben dauern mag. Ein Mann und eine Frau. Sie lieben sich, aber sie können sich nicht leiden. Wenn das mal nicht Dialektik auf dem Terrain der Gefühle ist. … Auf jeden Fall wird es einem so nie langweilig.
Ich habe unsere Schauspielerin Kerstin W. gebeten, sich für die Szene „Ursprüngliche Uneinigkeit“ Frauen, Schauspielerinnen anzuverwandeln, die ihr vorbildlich, oder wenigstens vertraut, wenn nicht verwandt zu sein scheinen. Sie hat für sich drei Namen entdeckt und Folgendes notiert:

1. Ingrid Steeger
Siebziger Jahre, 40 Jahre alt, blonde, krause, kurze Haare, viel Hand- und Fingerbewegung, Mundgestülpe, quirlig, quietschig, Beine zusammen, Hacken hoch, keine Kinder, nur Lover, oft allein zu Haus, dann ein…Glas Alkohol, mal ruft eine Freundin, mal die Mutter an, sie verbringt viel Zeit im Studio und im Theater, kommt wenig rum und raus, nur mit Kollegen, sie hat Sehnsucht nach klassischer Familie und Geborgenheit und passt sich an die Wünsche der anderen an.

2. Jutta Hoffmann
Sehr genau beobachtend, große, offene Augen, Vögelchen-Position, Ärmel über Handgelenke ziehen, Haare hinter Ohren streifen, mal mit einem Wort lauter rausschießen, vorgebeugt, Beine übergeschlagen, weite Hosen, Sätze offen lassend, Mann oft weg, da auch Schauspieler, 2 Kinder, ein älteres, ein jüngeres, schön eingerichtet mit Rest Ostcharme, zuhause lesend am Schreibtisch oder in Küche mit Kaffeetasse, auch oft nur in Gedanken sitzend, Fremden gegenüber scheu und zurückhaltend.

3. Romy Schneider
Langsamer Augenaufschlag, Blick von unten nach oben oder von oben nach unten, die Arme geöffnet, mit Beinen geschlossen sitzend, ein leichtes trauriges Lächeln … viel Sein und Fühlen, sich nicht um praktische Lebensbelange kümmernd, die sind einfach da, sie weckt bei jedem Beschützerinstinkte, und: viele lange „Gefall-ich-dir-gefällst-du-mir-Blicke“ im Stehen und Sitzen, dazu eine eher zu leise Stimme.

Diese drei Gesichter, Strategien, Tonlagen, Blickgriffe, Formen, die Gefühl sind, setzt die Schauspielerin Kerstin W. für ihre Figur in „Ursprüngliche Uneinigkeit“ ein. Sie springt zwischen dem unterschiedlichen Material, das sie sich einverleibt hat, hin und her wie zwischen warm und kalt. Unsere erste menschliche Fähigkeit ist, zwischen warm und kalt zu unterscheiden. Ja, unser Gefühl ist ursprüngliches Unterscheidungsvermögen.

Judith Kuckart, im Juli 2009