Last Minute Fräulein Dagny
Uraufführung 1995 Freie Kammerspiele Magdeburg/LTT Tübingen

Dagny Jung war die Tochter des kommunistischen Schriftstellers Franz Jung. Noch vor der Geburt der Tochter, im Jahre 1916, verließ Jung seine Frau Margot. Als junge Frau beging Dagny zwei Selbstmordversuche. Sie wurde in die geschlossen Abteilung eines Wiener Krankenhauses gesperrt, für arbeitsscheu und erblich belastet erklärt. Hier starb sie im März 1945, als die Russen schon vor der ersten Stadt standen. Als offizielle Todesursache wurde Lungenentzündung angegeben.
Das Stück setzt wenige Minuten vor Dagnys Tod ein. Zusammen mit ihrem Schutzengel schreibt Dagny ihren letzten Willen nieder. Dann heißt sie den Engel, ihr ihr Leben zu berichten und tauscht mit ihm die Rollen. Spielend rekapituliert der Schutzengel Dagnys Leben. Spielort ist ein Nachrichtenbüro unter der Erde, wo sie als Stenotypistin gearbeitet hat. Mit ihren Kolleginnen, die zugleich auch Mutter, Vater, Verwandte und Geliebte des Vaters spielen, schwört sie Erinnerungen und Bilder herauf, die sich in Dagnys Unterbewusstsein festgesetzt haben, macht ihre Gefühle und Träume sichtbar. Dagny, als stumme Zuschauerin, ruft immer wieder die verbleibenden Minuten bis zu ihrem Tod dazwischen.
Noch 57 Sekunden, ruft sie am Schluss und stellt dem Vater nochmals die Frage: »Vater, warum warst du mit der Liebe zu mir so geizig wie die Nacht mit dem Licht?«

Ein spannender, unheimlicher Todesreigen. (BZ)