Den Hund habe ich Tanz genannt
Theaterprojekt 26.03.2018 Johannisburg/Südafrika
Mitwirkende: Tänzerinnen und Tänzer der Tanzakademie "Moving into Dance Mophatong"

Verwandte
Es ist an jenem Abend sehr warm in Berlin, so warm, wie es in Südafrika noch sein wird, wenn ich in einigen Monaten dorthin fahre, und hier tiefster Winter ist. Als Schriftstellerin hat man mich eingeladen, an einer Recherche teilzunehmen. Thema ist Transformation und Identität, Trauma und Versöhnung. Deutschsprachige und internationale Autor/innen sollen im Rahmen eines Austauschprogramms den Umgang mit der „Bürde der Vergangenheit“ aus der Sicht der Literatur reflektieren. An jenem Abend also segle ich mit dem Rad durch die warme Herbstnacht und denke, Tanz ist auch eine Art, nachzudenken, zu reflektieren. Tanz könnte am Ende die Sprache sein, mit der ich mich in Johannesburg am besten verständigen kann. Denn bei allen Essstörungen, Gesundheits – und Altersproblemen, bei allen Karriere-Katastrophen, latenter Melancholie und vielleicht auch Unbedarftheiten sind Tänzer überall auf der Welt einander ähnlich. Zu tanzen und getanzt zu haben schafft eine Haltung gegenüber dem Leben, eine innere und eine äußere, die keine andere Berufssparte mit den Tänzern teilt. Denn wer lethargisch oder faul oder nur durchschnittlich bequem ist, kommt gar nicht darauf, dieses Leben zwischen schmerzhaften Zurichtungen und Anfällen von Glück zu wählen.
Als ich zuhause ankomme, schicke ich eine SMS nach Johannesburg: Ich würde im Rahmen des Projekts gern Verwandte treffen, schreibe ich, kann mir jemand Kontakt zu einer Tanzcompany machen?
So ist dann alles gekommen. Ich habe im Februar 2018 eine Tanzwerkstatt an der Tanzakademie Moving into Dance Mophatong, Johannesburg gegeben. An dieser Akademie werden professionelle Tänzer ausbildet, die nach der Apartheid eine eigene Tanzsprache suchen, welche mit ihrer Herkunft und Tradition, aber vor allem doch mit der Zukunft in einem Land wie Südafrika zu tun hat.

PLÜSCHOHR
Zwei Tage vor dem Abflug nach Johannesburg sagt ein Freund, der vor wenigen Jahren dort gewesen ist, zu mir: Denk dran, sobald du das Gefühl hast, hier stimmt was nicht, – ab ins Taxi. Zur Not versteck dein Fluchtgeld im hochgerollten Hemdsärmel. Und denk dran, wenn jemand kommt und dich überfällt, spiel nicht den Helden. Geh auch abends nicht allein raus, um dir am Büdchen noch ein Bier zu kaufen, hör dir vor der Abreise im Netz die Musik von „Die Antwoord“ an und besorg dir Fotobücher von Roger Ballen, um dich auf das einzustimmen, was in Südafrika auf dich wartet. Das ist nämlich nicht so ein braver Kunstkram, wie hier bei uns, das ist dort unten richtig roh und grob und gefährlich.
Ich habe am Telefon genickt, was der Freund der guten Ratschläge nicht sah, habe zwei Hemden von meinem Mann eingepackt, um täglich die Ärmel aufrollen zu können, – im Angesicht des Abenteuers Südafrika. Sei kein Westberliner Plüschohr, sagte im Traum die Stimme des Freundes der guten Ratschläge noch einmal zu mir, und wenn dir alles zuviel wird, fahr in den Krüger Nationalpark, wo Touristen wie du beim Anblick von laufenden Giraffen garantiert weinen.
Am Flughafen werde ich abgeholt. Meine Gastgeberin wohnt in Melville. Das ist ein hipper Stadtteil, der am Meer zu liegen scheint, obwohl die Wasser des Atlantiks und des indischen Ozeans Hunderte von Kilometern entfernt sind. Es gibt hübsch verwilderte Gärten, Bars, Cafés, Stände mit Tieren aus bunten Perlen und viele grüne Plastikstühle vor hohen Mauern mit Kronen aus elektrischen Zäunen und einzelne Stühle auf dem Gehweg, auf denen nur Sicherheitsmänner sitzen. Alle schwarz. Früher war der Stadtteil ein Viertel für arme, weiße Eisenbahnarbeiter.
Ein Hund im Nachbarhaus kläfft, hoch und hell, ein kleiner Hund, der Stimme nach zu urteilen. In meiner ersten Nacht in Melville/Johannesburg hinter meinen vergitterten Fenstern träume ich, dass der Hund nebenan, der mit der hellen Stimme, sich erhängt hat. Als ich am Morgen von dem Traum erzähle, erfahre ich, dass der Hund in meinem Traum nicht der erste wäre. Hier in der Straße haben sich schon so einige erhängt.

SCHWARZE FERSE
Entweder man ist gut ausgedreht, oder man hat schöne Füße, Füße wie ein Pfeil, sagt Tumi. Ein Tänzer muss einen Spann haben, der ihm die Tür zu fast jeder Ballettcompany öffnet, sagt Tumi. Tumi ist nicht Theoretiker, sondern selber Tänzer. Er mag Thesen, wenn sie gewagt sind oder mystisch. Die Achillesferse von schwarzen Menschen aber, sagt Tumi, verläuft so, dass sie beim klassischen Tanz nicht vorschriftsmäßig ihre Füße strecken oder spitzen oder pointen können wie Weiße. Er zerrt am Unterschenkel der Kollegin Daniela aus Chile herum, die auf Einladung meiner Gastgeberin im Studio neben mir wohnt. Auch sie war wie ich auf der Folkwangschule. Auch an ihr will Tumi beweisen, dass seine These stimmt. Daniela lächelt. Negerpüppchen eben, sagt sie, spitzt den Fuß und schaut mich an. Negerpüppchen war ihr Spitzname, als ihre Eltern, Exilchilenen, mit ihr für eine Zeit in Franfurt/Oder, Grenzstadt der DDR, lebten, erklärt sie Tumi und mir. Quatsch Negerpüppchen, Quatsch schwarze Ferse, sage ich. Dass du keinen schönen Spann hast, lieber Tumi, liegt daran, dass du ein Mann bist. Männer haben fast immer konturlose Füße – im Gegensatz zu Frauen. Schau dir einfach Danielas Fuß mal genauer an.
Ist das so? fragt Tumi.
Das ist so, sage ich. Und ändern lässt sich das erst, nachdem du es akzeptiert hast.
Das mit den Füßen, fragt Tumi.
Alles, sage ich.
Tumi lacht und holt sein Auto. Zu dritt fahren wir zu dem Haus, wo er geboren und aufgewachsen ist. In Soweto. Auf dem Weg zu seiner Großmutter von Bezirk 9 zu Bezirk 1 ist er als sechzehnjähriger fünf Zulumännern begegnet. Ein Tritt, ein Stiefel im Gesicht, und er fiel rücklings auf eine Leiche. Dem Lynchmord durch einen Autoreifen, der auch ihn das Leben gekostet hätte, entkam er nur knapp. Necklacing heißt diese Hinrichtungsart. Der Reifen wird dem Opfer um den Hals gehängt, mit Benzin übergossen und angezündet. Gummi und Körper werden zu einer einzigen brennenden Masse, die kaum noch gelöscht werden kann. Die Zulumänner hatten den Verdacht, dass Tumi schuld sei am Tod einer ihrer Männer, der die Leiche war, die unter ihm lag. Außerdem trug Tumi ihrer Meinung nach das falsche T-Shirt. NAC stand darauf, aber ANC, African National Congress, lasen sie im blinden Eifer und in blinder Eile und schlugen als Mitglieder ihrer Zulu-Gegenpartei IFP hart zu.
Seine Geschichte erzählt Tumi auf dem Weg zu seiner Mutter im 9. Bezirk von Soweto, wo sie sieben Kinder bekommen hat, vier sind tot. Sie lebt noch immer mit einem Sohn und einer Tochter und deren Kindern in dem Haus aus Tumis Kindheit. Es gibt eine Küche und zwei Zimmer, in denen sie früher zu neunt gelebt haben. Tumi schläft noch immer gern hier, wenn er auf Besuch ist. Er könnte auch nach Hause fahren, aber die Gründe, hier zu bleiben, haben sich offenbar noch nicht aufgebraucht. Die Mutter ist es, die uns ins Leben führt und füttert, sagt er, der Vater ist es, der uns die Identität gibt.
Identität?
Soll ich jetzt Tumi einfach fragen: Was ist denn in dem Paket Identität, das dein Vater dir mitgegeben hat?
Denn Identität und Transformation, Trauma und Versöhnung sind die Stichworte für meinen Rechercheauftrag hier. Deswegen bin ich zu dem Projekt hier nach Südafrika eingeladen worden. Ich? Ich, das ist in Südafrika eine Fremde, die nur Irrtümer und schiefe Bilder produzieren wird, wenn sie das Erlebte und Gesehene zu Literatur machen soll, will, muss. Ich werde hier immer die bleiben, die für ein paar Wochen am Rand steht, staunt und darüber die Frage vergisst, ob ein Mensch, der schwarz ist, einem Menschen der weiß ist, verzeihen kann, was während der Apartheid geschah. Und ob ein Mensch überhaupt einem anderen verzeihen kann, welcher gar nicht groß daran interessiert ist, dass ihm verziehen wird.
Tumis Fahrertür schlägt zu. Die Mutter winkt. Bruder und Nichte stehen daneben. Das Mädchen streckt den Bauch raus.
Als ich klein war, hatten wir im Haus einen Hund. Den habe ich Tanz genannt, sagt Tumi.

Am nächsten Morgen fahren wir – wieder zu dritt – über die Nelson Mandela Brücke nach Newtown. Dort sind wir verabredet für ein Showing bei Moving into Dance. Moving into Dance Mophatong ist die erste Schule für zeitgenössischen Tanz in Südafrika. Die Akademie arbeitet mit dem Vokabular des afrikanischen und des internationalen modernen Tanzes. Die Idee zu dieser Schule stammt aus den siebziger Jahren. Schon damals hatte sie sich die Aufgabe gestellt, Jugendliche von der Straße zu holen und – mittels Tanzausbildung – auf einem besseren Weg ins Leben zu schicken. Wer im Probenraum hoch springen kann, kann auch in der Gesellschaft aufsteigen, oder? Ja, man kann sich selber zwischen sich und seine Herkunft schieben. Man kann es schaffen, dass man gern lebt bis zum Schluss.
Sie könnten Tumis, meine und sogar auch Danielas Kinder sein, diese vierzig Studenten, denen wir an diesem Montag begegnen. Alle sind sie nach der Apartheid geboren. In der Akademie bekommen sie Kost, Logis, Kleidung und werden nicht nur für die Bühne, sondern auch auf den Betrieb dort vorbereitet. Ich schaue aus dem Fenster. Ich bin in meinem Heimatort am Rand des Ruhrgebiets im Ballett gelandet, weil meine beste Freundin dorthin ging. In meinen Augen war das Mädchen etwas Besseres. Ich will so sein wie sie, habe ich damals gedacht. Tumi, dessen Augen ich im Innenspiegel sehe, hat seine Tanzausbildung nach der traumatischen Erfahrung mit den Zulumännern begonnen. Ein Onkel hat ihn von der Straße und in den geschützten Raum seiner Ballettschule geholt. Die Mädchen, die mit ihm in einer Klasse trainierten, waren unerreichbare Prinzessinnen in Rosa für ihn. Ich will für immer in ihrer Nähe sein, hat er damals gedacht.
Er fährt auf den Parkplatz der Tanzakademie. Ab jetzt redest du, sagt er, ich bin schüchtern.
Ich auch, sagt Daniela.
Alle Tänzer sind schüchtern, sage ich.

ICH
Zwischen 1984 und 1998 leitete ich – nach einer abgebrochenen Tanzausbildung an der Folkwangschule/Essen – in Berlin das Tanztheater Skoronel, ein Ensemble von zehn bis zwölf Leuten in ständig wechselnde Probenräume mit zwei bis drei Stücken im Jahr. Wir hatten keine feste Spielstätte, aber viele Aufführungen und Tourneen und eine feste Förderung des Berliner Senats für jeweils zwei Jahre, in denen wir uns für die nächsten zwei bewähren mussten. Die Chefin war ich. 1989 habe ich angefangen, für das Ensemble eigene Texte zu schreiben. Mitgetanzt habe ich nur noch, wenn jemand wegen Krankheit ausfiel. Die stummen Geschichten von Körpern, deren mehrdeutige, aber auch in sich beschränkte Bewegungssprache haben mir – als sich die Welt im Jahr 1989 so radikal veränderte – als erzählerisches Element plötzlich nicht mehr ausgereicht. Aus montierten Sätzen wurden eigene Textchen, wurden längere Textstücke, und die Arbeit an den Textstücken wollte irgendwann Arbeit an einem Roman sein. Ab 1991 wurde aus dem täglichen Training um 10.00 Uhr morgens immer mehr der tägliche Gang an den Schreibtisch, um die gleiche Uhrzeit. Körper und Geist hatten sich an diese schöne Regelmäßigkeit gewöhnt und wollten Ritual und Lebensgefühl auch beim Schreiben beibehalten. Das hat mir, was die Disziplin und Beharrlichkeit angeht, das Leben als Autorin um einiges leichter gemacht. Denn der einsame Schritt zur einsamen Arbeit am einsamen Schreibtisch fällt schwer.

Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht
Das Showing bei Moving into Dance beginnt am frühen Nachmittag. Die Klassen eins, zwei und drei zeigen eigene Choreografien. Das erste Stück heißt Kosoku/Überlandbus.
Eine kleine Tänzerin im grauen Overall kämpft mit Energie und wildem Blick an gegen einen einzelnen Spitzenschuh an ihrem linken Fuß. Den zweiten scheint sie bereits verbannt und als Mittel der Zurichtung hinter sich gelassen zu haben. Sie ist eine Khoisan, flüstert mir Tumi zu, das sehe ich sofort. In der Jugend sind die Khoisan alle sehr schön, dann verfallen sie schnell. Die Khoisan, das ist die älteste, heute noch existierende Menschengruppe. Bei Euch nennt man sie übrigens Hottentotten, sagt Tumi.
Zu welchem Stamm gehörst du eigentlich, frage ich zurück.
Er sagt etwas, was ich nicht verstehe. Was sie zeigen, hat im Kern die gleiche Fragestellung: WO KOMME ICH HER/WO GEHE ICH HIN/WER KANN ICH NOCH SEIN, WENN ICH ZURÜCKGEHE?

Was willst du ab morgen mit uns arbeiten, fragt jemand, als eine Pause ist.
Mich interessiert nicht, wie du dich bewegst, sondern was dich bewegt, höre ich mich sagen. Ich zitiere so Pina Bausch und bekomme beifälliges Murmeln, erstaunte, neugierige Blicke, dann ein breites, offenes Lächeln von vielen. Der Mädchenjunge im Kleid setzt sich neben mich. Da wollen wir alle mitmachen, sagt er.
Ihr seid sehr viele, sage ich, vielleicht kommen morgen ja nicht mehr alle.
Morgen kommen noch mehr, sagt er, hast du Angst?

Als ich am Tag drauf bei Moving into Dance ankomme, sind alle vierzig Studierenden da und haben noch vier weitere mitgebracht. Erschöpft vom Training am Vormittag essen sie Nüsse. Ein Junge, einer von den ganz kleinen und zarten, umarmt mich auf dem Gang. Nein, ich werde hier nicht sprechen über die Apartheid, sondern nach dem WOHER und WOHIN ihres Lebens fragen.
Woher kommst du, wohin willst du?
Auf dem Weg dazwischen, willst du da immer nur springen und drehen oder auch einmal nur ruhig gehen?
Wie viele Sprünge und Drehungen, wie viel Disziplin und Beharrlichkeit musst du zwischen dich und deine Herkunft schieben?
Wie schaffst du es, in diesem Raum hier den Raum für ein Später zu ertanzen, die Zukunft unverletzt zu lassen von der Vergangenheit?
Ich schaue die Studierenden an. Eine Art freundlicher Diszipliniertheit beherrscht den Raum, gepaart mit Schüchternheit, die, sobald dieser Raum hier Bühne wird, umschlagen kann in einen gefährlichen Charme, in eine Direktheit und Unbekümmertheit, welche helfen soll bei der Suche nach dem eigenen Können, der eigenen Identität? Denn so ein Körper, weiß ich längst, ist ein Speicher der persönlichen Erfahrungen, der Ethnizität und auch der Identität. Das Ich ist eine hybride, fragile Behauptung, immer, egal wo. Hier, in Südafrika aber hat das Ich noch eine Variante oder Wendung mehr. Es hat sich festgeschrieben über Kolonialisierung und Apartheid im Nicht-Eigenen. Der Tanz mag eine Befreiung sein. Die täglichen Rituale während der Ausbildung können Agenten der eigenen Autonomie werden. Jeden Morgen im gleichen Ablauf das Immergleiche trainieren, jeden Morgen die immergleiche Gemeinschaft/Company treffen hat etwas Tröstliches. Das Immergleiche kann das Schönste und das Tanztraining ein Überlebenstraining für später sein.
Ich stelle drei Stühle auf. Stell dich selber vor, sage ich. Aber nicht aus deiner eigenen Perspektive, sondern such dir eine Person, die dir nah ist und aus ihrer Perspektive auf dich über dich spricht. Dabei interessieren mich jetzt nicht deine Schuhgröße, deine Schulabschlusse, sondern etwas, das wichtig ist an dir, für dich, für andere, wenn sie mit dir zusammen sind. Immer im Trio macht ihr das, schlage ich vor, wobei zwei von euch aktiv Zuhörende sind, während der dritte erzählt. Dann Wechsel. Und Zuhören ist übrigens eine besondere Energie, sage ich, die demjenigen hilft, der im Focus steht. Das gilt im Leben wie auf der Bühne, sage ich, dass nicht zwei an den Socken herumfummeln, während ein dritter versucht, von sich zu erzählen.
Die Vorstellungen der eigenen Person aus der Perspektive eines Freundes oder eines Verwandten sind unterschiedlich. Die einen sind authentisch. Die anderen sind auf heitere Reaktionen aus. Ein Mädchen, coloured und vermutlich auch Khoisan – eine echte Hottentottenschönheit also, hätte ein Burengeneral wohl gesagt – wählt die Perspektive ihrer Mutter. Wählt die blaue Distanz, anders kann ich es nicht sagen. Ich bin die hellhäutigste in meiner Familie, und das hat mit einem Familiengeheimnis zu tun, sagt sie. Alle hören gebannt zu. Jemand weint. Ich werde mein Solo von gestern verändern, wird das Mädchen später zu mir sagen. Ich habe soeben ausgesprochen, was ich im Tanz noch nicht gefunden hatte.
Was ist euch aufgefallen, frage ich am Ende dieses Tages, wenn ihr versucht, die Körpersprache des Erzählenden zu beschreiben? Sie sind sich einig: Hat ein Freund sie vorgestellt, waren Erzählen und Körpersprache frei, witzig, liebevoll, blieben viel Luft und Raum. Stellte aber ein Familienmitglied vor, wurde es hölzern, eng, hart, todernst, sagt er Mädchenjunge.
Als ich gehe, sehe ich, manche schreiben sich etwas auf.

KONTAKT. ABER. IMPROVISIERT
Am nächsten Tag fehlen zwei von den Tanzstudierenden in Newtown. Auch das Mädchen, das vom Familiengeheimnis sprach …
Kontaktimprovisation, kennt ihr das, frage ich, während sie im Kreis um mich herum stehen.
Nein, sagen sie, setzen sich und fangen an, sich wie Gummibänder zu dehnen.
Kontaktimprovisation ist keine Akrobatik, sage ich. Es ist zwar auch eine tänzerische, jedoch zugleich eine soziale und spielerische Sache.
Sie dehnen sich weiter. Auch gut, denke ich, Flexibilität kann auch im sozialen Umgang nicht schaden. Früher habe ich manchmal Kontaktimprovisationen zu Probenbeginn für eine neue Produktion angesetzt, um Tänzer und Schauspieler in einer gemeinsamen Körpersituation zueinander finden zu lassen.
Keine Musik, fragt der Mädchenjunge, als wir anfangen. Nein, keine Musik heute, sage ich. Hört einfach auf den Atem.
Tumi und Daniela fangen an. Sie rollen umeinander, mehr oder minder gelungen. Für Tumi, den klassischen Tänzer, ist diese Fortbewegungsart neu. Er streckt immer wieder den Hintern raus, statt wirklich Gewicht abzugeben. Daniela dagegen – konzentriert, streng und durchlässig – ist eine erfahrene Kontaktimprovisationskönigin. Kommt, sagt sie. Die anderen folgen gehorsam, fangen an zu schnaufen und rollen los. Ja, fremd ist im ersten Moment dieses Gewichtabgeben an einen anderen, der zuunterst liegt, kniet, hockt und manchmal steht, um so zu entdecken, wie breit das Spektrum der tänzerischen Bewegungsmöglichkeiten ist, wenn man zu zweit, wenn man viele ist.
Wie war ´s, frage ich nach zwei Stunden.
Fremd, sagen sie, es war auch aufregend.
Berührend, sagt der Mädchenjunge und nickt ernst.
Fällt Euch vielleicht ein gemeinsames Bild ein, für das, was vorhin war, als ihr so eins ward in der Bewegungsfolge.
Ein Kopfschütteln. Wie ehrlich, denke ich.
Doch dann sagt einer, ich fand, wir waren ein Bündel Gras im Wind.

ICH SCHREIBE AUCH
Fünf von den Studierenden von Moving into Dance müssen beim nächsten Treffen zum Fotografieren weg. Ich sage zu den Versprengten, die müde und nachdenklich bleiben: Erinnert euch, was wir bisher probierten. Versucht, den Ort eurer Kindheit, an den ihr euch am besten erinnert, auf zwei Quadratmetern sichtbar zu machen. Eine Person, die euch wichtig ist, tritt darin auf. Lasst sie sprechen oder schweigen. Auf jeden Fall lasst sie sich bewegen. Ihr könnte die Sequenz auch mit einem Gedicht begleiten. Kann man auch singen, fragt ein junger Mann, der – so sagen wenigstens die anderen – sehr gefährlich sein soll wegen seiner großen Reißzähne und seines wilden Barts.
Aber ja, sage ich, aber gern!
An jenem Vormittag dann stehen Kindheit, Sterben und Lieben in Raum eins und zwei auf jeweils zwei Quadratmetern mit dem Rücken zur Wand und schauen verwundert der Darstellung ihres heimlichen Wesens zu. Der junge Mann, der so gefährlich sein soll und sich bisher sehr zurückgehalten hat, fängt an mit einer sexuell aufgeladenen Bewegungsgeschichte. Die Gefahr ist in der Form aufgehoben, das Schweigen in der Bewegungssprache. Am Ende hat er ein verändertes Gesicht. Das Gesicht seiner Mutter?
Vielleicht.
Ein Mädchen sagt laut: Jetzt weiß ich auch, warum du schwul geworden bist.
Alle lachen. Er auch.
Der Mädchenjunge, der lieber von der Großmutter als von der Mutter erzählt, hängt in einem Raum ohne Wände Poster auf. So ist das Zimmer da, als Enge auf zwei Quadratmetern, eine Garage, in der er mit seinen Geschwistern lebte. Ein jeder keinen roll-over vom anderen entfernt, zeigt er in einer Bewegungsfolge
Gab es auch Fenster in der Garage, frage ich.
Ja, sagt er, das Fenster war draußen.
Später wird er zu mir sagen: Übrigens, ich schreibe auch.
Oft geht es in den Improvisationen um Essen, weil es um Hunger geht. Es geht um Mütter, die nicht glauben, dass das Kind es in der großen Stadt schafft. Es geht um strenge Tanten, die die Rolle der Mütter einnehmen und um Onkels, die zum Duschen kommen, bevor sie ins Bett von Mutter oder Tante steigen. Es geht um Raumnot, Armut, Stromausfall, Angst und Armut und auch um die Wände, die man vermisst, auch wenn sie dünn und fensterlos waren. Aus dem Ort (place) heraus, von dem sie stammen, finden sie später im Tanz einen Platz (space), wo sich leben lässt. Vielleicht gern. Vielleicht sogar gern bis zum Schluss. Der Junge, der den Genozid an den Herero in Namibia in seinem Solo zum Ausgangspunkt hatte, erzählt von einem Kindheitsort, an dem hauptsächlich der Fernseher wohnte und eine Mutter tagsüber in der Ecke saß. Den Vater gab es nicht mehr. Bevor er den Kindheitsort des Jungen verließ, redete er kaum noch, aber schlug viel um sich. Danach schlug er die Zunge gegen den Gaumen und schnalzte laut. Ich erkenne Bewegungen wieder aus seinem Solo „Skulls ov my People“. Wieder hat er dieses Gesicht, als wolle er die Welt mitnehmen, wenn er einmal stirbt. Das Mädchen, das am ersten Montag vom Familiengeheimnis aus der Perspektive ihrer Mutter erzählte, hat vergessen, was sie an dem Tag gesagt hat. Sie fragt die anderen. In wenigen Sekunden haben sie gemeinsam die Geschichte rekonstruiert. Ich sage, deswegen erzählt man auch. Damit andere die eigene Geschichte teilen und sie für alle eine Erinnerung wird. Die schlimmsten Katastrophen bekommen beim Erzählen einen Sinn, sage ich, für den, der erzählt und für den, der zuhört.
Sag mal, hattest du eigentlich auch eine traurige Kindheit, fragt jemand.
Klar, jetzt hast du mich aber erwischt, antworte ich.
Applaus und Lachen…