Roland Schimmelpfennig
An einem klaren eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
S. Fischer Verlag 2016

Wäre dieser Roman ein Theaterstück, würde man folgende Eckdaten anführen: In den wichtigen Rollen: Der Schnee, die Liebe, Alkohol, der Tod, viele, viele Menschen und die Stadt Berlin, oft dort, wo sie ausfranst. In weiteren Rollen sieht man stillgelegte Bahnhöfe, Baustellen, Kneipen, Galerien, Ateliers traurige Wohnungen von Reichen und Armen. Und der Plot? Ein Gewehr und ein Wolf initiieren Handlungen, die sonst so nicht stattgefunden hätten. Diese beiden sprachlosen Hauptdarsteller stoßen bei eisigen Außentemperaturen hitzige Flucht – und Suchbewegungen von Menschen an. Roland Schimmelpfennig kommt vom Theater und hat jetzt seinen ersten Roman geschrieben. Ein spätes Debüt. Die Höhepunkte sind gut gesetzt. Ein Toter liegt im Schnee unter einem Hochstand. Zwei Kinder, kurz darauf mit dem Gewehr des Toten im Gepäck, erfrieren auf der Flucht vor ihrem trostlosen Alltag fast auf einem Güterzug. Tomasz aus Warschau, der ohne seine Freundin Agnieszka nicht leben kann, sichtet den Wolf, 80 Kilometer vor Berlin und macht ein Foto. Agnieszka verkauft es an die Presse. Der Pächter eines Spätkaufs im Prenzlauer Berg macht sich daraufhin auf die Jagd nach dem Wolf und merkt in der Begegnung mit dem Tier, wie jämmerlich er plötzlich vor sich selber dasteht. Es geht in diesem temporeichen Roman um Suche und Flucht, um die Zugespitztheit zufälliger Begegnungen und die bittere Schärfe von Wiederbegegnungen. Wer sich für die Grenzgänge zwischen Roman und Spielvorlagen für das Theater interessiert, sollte den „Januarmorgen“ lesen.