Lisa Halliday
Asymmetrie
Hanser Verlag 2018

Verrücktheit/2003: Auf dem Schoß hat sie ein Buch, als Alice – alias Autorin Lisa Halliday –  beim Eisessen Ezra Blazer – alias Schriftsteller Philip Roth – im ersten Kapitel trifft. Kurz darauf kennt sie auch seine orthopädische Matratze und erfährt, wie ein Siebzigjähriger, der auf den Tod und den Nobelpreis wartet, sich im Bett anfühlt. Drei Jahre später endet die Beziehung. Sie wird Literatur, in diesem Buch mit dem Titel Asymmetrie. Alice als Lektoratsassistentin hat in ihrem Job täglich ungeschützten Umgang mit Texten, die eine Ansteckung zum Schreiben sein können.
Wahnsinn/2008: Der Geschichte von Alice, weiblich und ohne Konfession, folgt die von Amar. Er ist ein Mann und muslimisch. Das erste Kapitel ist in der dritten, das zweite jetzt aber in der ersten Person erzählt. Es schreibt die gleiche Frau. Lisa Halliday hat nach sorgfältigen Recherchen diese Geschichte, die sie mit Amar als Hauptfigur besetzt hat, aufgeschrieben. Seine Welt kommt vor. Nicht sie. Sich hat sie weggelassen. Trotzdem ist Amars Geschichte auch für sie autobiografisch, nämlich gerade in der Überwindung ihres anfänglich autobiografischen Erzählens, das so geschickt ins Buch gelockt hat, indem es den Blick durch das Schlüsselloch auf das Bett von Philip Roth erlaubte. Aber dieses Schlüsselloch dient jetzt dazu, um etwas ganz anderes sichtbar zu machen: Nämlich den Warteraum von Amar und die Autorin Lisa Halliday in einem Leben, das sie  n i c h t  führt, aber trotzdem zeigt. Wie einen Paukenschlag hat Lisa Halliday das zweite Kapitel an das erste gesetzt, doch spielt immer noch das gleiche Musikstück.
Ezra Blazer bei Desert Island Discs/2011 ist die Überschrift  des dritten Kapitels, das als Ausklang oder auch als Schwanz den beiden ersten anhängt. Blazer wird von einer Journalistin interviewt, die ihm gefällt, ja sie gefällt ihm sogar sehr. Begleitet von einem leisen Lachen überrascht er sie und sich selbst: Eine junge Freundin von mit einen ganz erstaunlichen Roman geschrieben hat. Oberflächlich betrachtet hat der Roman wenig mit der Autorin zu tun, ist vielmehr eine Art verschleiertes Portrait einer Person, die entschlossen ist, über die Grenzen ihrer Herkunft, ihrer Privilegiertheit und ihrer Naivität hinaus zu gehen …
Das ist Lisa Halliday wirklich gelungen. Und besser als Ezra, alias Roth, kann man es nicht sagen.