Tezer Özlü
Die kalten Nächte der Kindheit
Suhrpamp 2026
1968 – Tezer Özlü ist fünfundzwanzig – da sitzt sie mit ihrer Freundin Sevgi in der immergleichen Kneipe in Istanbul. Männer sind auch da. Männer gehören zum Leben wie die Hefe zum Teig. Beide jungen Frauen haben diese gewissen Sehnsucht nach einem gewissen verbotenen Gefühl, das andere Orgasmus nennen. Tezer Özlü geht wie Sevgi Özdamar nach Deutschland, zieht viel um in Berlin und schreibt nicht mehr auf Türkisch, sondern auf Deutsch, nennt es aber nicht „Literatur“. Sie nennt es „Schreiben“, denn „Produktion“ und „Produkt“ haben in ihrer Denkweise keinen Platz. Özlü will etwas anderes, etwas Neues. Will diese andere, neue Sprache in der Nähe verbotener Gefühle – auf Deutsch und auf Türkisch. Gefühle haben keine Nationalität, und Schreiben ist nicht einfach Aufschreiben, was man so denkt und meint, sondern Schreiben ist für sie ein permanentes Fragen. Wofür soll ich leben, wofür soll ich kämpfen, was gilt noch? Das Leben von Tezer Özlü aber, das bricht entzwei. Die Hände der begehrten Männer stinken jetzt nach Nikotin. Sie nämlich raucht nicht mehr. Die Toiletten der Psychiatrie stinken nach Schizophrenie, bevor sie ihr dieses harte Ding in den Mund schieben, und sie wieder in den Tod geht und wieder zurückkommt, schreibt sie. Nach einem dieser Elektroschocks notiert sie: „Ich sterbe, führt den revolutionären Kampf ohne mich weiter!“
Nach einer Lesung aus Tezer Özlüs schmalen, sprunghaften, reichen Buch DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT fahre ich von Kreuzberg aus nach Hause. Auf dem Podium haben vier Menschen gesessen: die Freundin Sevgi Özdamar, der Schriftsteller und feine Übersetzer Deniz Utlu, die Moderatorin und die Tote – Tezer Özlü. Das Buch hätte ich mir gern von ihr signieren lassen, aber die Erinnerung an den Abend ist auch eine Art Signatur. Ich stecke DIE KALTEN NÄCHTE DER KINDHEIT in meine Manteltasche und nehme am Oranienplatz den Bus. In Begleitung des Buchs wird kurz hinter dem Moritzplatz die Oranienstraße zur İstiklal Caddesi
in Istanbul, und der 29er zu der roten Straßenbahn dort. Tezer Özlü ist 1986 in Zürich an Brustkrebs gestorben.