Ich möchte gern Bücher empfehlen. Bücher sind die Begleiter in der Zeit, die man mit sich selbst verbringt.
Die Empfehlungen auf dieser Seite werden wechseln. Ich melde mich immer, wenn ich wieder etwas Neues gefunden habe.

Neu: Graham Swift, Ein Festtag, dtv 2017

30. März 1924. Dieser Sonntag ist gesegnet mit Juniwetter und nicht nur deswegen ein Festtag. Eigentlich ist er nur ein halber Festtag für Jane Fairchild, zweiundzwanzig Jahre alt, Dienstmädchen von Beechwood, aber des Lesens und Schreibens kundig. An diesem 30. März - für das Waisenkind Jane ein mutterloser Muttertag, - geht sie gegen Mittag nackt und allein durch das herrschaftliche Elternhaus ihres Geliebten Paul. Das ist die Stunde, wo ihr Festtag aus seiner Helle in die Hölle kippt. Es scheint aber, als hätte das Dienstmädchen von diesem traurigen Festtag an ein Leben wie ein Fest geführt. Jane Fairchild ist ein Dienstmädchen mit soviel Vorstellungskraft wie Lebenslust. Sie ist eine Person, die sagt: Was nicht geschehen ist, das denke ich mir aus. An dieser Schattenlinie, die sich mit jedem Herzschlag verschieben kann, beginnt ihr Schriftstellersein, bevor sie schreibt. Später wird sie sich im Schreiben des eigenen Lebens bewusst, wird ihr bewusst, wie sie mit dem Schreiben sich dem Stoff des Lebens in die Arme werfen kann. Wie ich die Dinge sehe, sagt Swift, ein Mann von fast siebzig Jahren jetzt, der 1996 den Bookerpreis für seinen Roman Last Orders/Letzte Runde bekam, sind meine Bücher erträumt, das heißt sie kommen aus etwas sehr Dünnem, Unwirklichem. Und dann ist es immer eine große Überraschung für mich, dass so ein Flüstern, Flimmern, Flirren zu so etwas Präzisem, Kompliziertem und wirklich sehr Spezifischem wird, das wir einen Roman nennen.

Roland Schimmelpfennig, An einem klaren eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, S. Fischer Verlag 2016

Wäre dieser Roman ein Theaterstück, würde man folgende Eckdaten anführen: In den wichtigen Rollen: Der Schnee, die Liebe, Alkohol, der Tod, viele, viele Menschen und die Stadt Berlin, oft dort, wo sie ausfranst. In weiteren Rollen sieht man stillgelegte Bahnhöfe, Baustellen, Kneipen, Galerien, Ateliers traurige Wohnungen von Reichen und Armen. Und der Plot? Ein Gewehr und ein Wolf initiieren Handlungen, die sonst so nicht stattgefunden hätten. Diese beiden sprachlosen Hauptdarsteller stoßen bei eisigen Außentemperaturen hitzige Flucht - und Suchbewegungen von Menschen an. Roland Schimmelpfennig kommt vom Theater und hat jetzt seinen ersten Roman geschrieben. Ein spätes Debüt. Die Höhepunkte sind gut gesetzt. Ein Toter liegt im Schnee unter einem Hochstand. Zwei Kinder, kurz darauf mit dem Gewehr des Toten im Gepäck, erfrieren auf der Flucht vor ihrem trostlosen Alltag fast auf einem Güterzug. Tomasz aus Warschau, der ohne seine Freundin Agnieszka nicht leben kann, sichtet den Wolf, 80 Kilometer vor Berlin und macht ein Foto. Agnieszka verkauft es an die Presse. Der Pächter eines Spätkaufs im Prenzlauer Berg macht sich daraufhin auf die Jagd nach dem Wolf und merkt in der Begegnung mit dem Tier, wie jämmerlich er plötzlich vor sich selber dasteht. Es geht in diesem temporeichen Roman um Suche und Flucht, um die Zugespitztheit zufälliger Begegnungen und die bittere Schärfe von Wiederbegegnungen. Wer sich für die Grenzgänge zwischen Roman und Spielvorlagen für das Theater interessiert, sollte den „Januarmorgen“ lesen.


David Garnett, Dame zu Fuchs, Dörlemann Verlag, Zürich 2016

Der Plot wäre Stoff für ein Musical. Gleich auf den ersten Seiten von Garnetts kurzem Roman „Dame zu Fuchs“ geraten Mrs. Silvia Tebrick und Mr. Tebrick auf einem verliebten Waldspaziergang in die Nähe einer Jagd. Während Mr. Tebrick seiner Frau die Schönheiten dieses Sports nahe zu bringen versucht, verwandelt sich Mrs. Tebrick, geborene Fox, hinter seinem Rücken in einen Fuchs. Er erschrickt, aber nur kurz, erkennt sie, nimmt sie auf den Arm, drückt sie an Hemd und Herz und trägt sie nach Hause. Dort angekommen, nehmen die Haushunde Witterung der Fähe auf und spielen kläffend verrückt. Tebrick erschießt die Hunde, entlässt die Angestellten, die klatschen könnten, und verspricht seiner Fähe ewige Treue. „Dame zu Fuchs“ ist ein märchenhaftes Buch, das mit Freude am Grotesken, ironischem Ton und elegantem Stil von einer unglaublichen Begebenheit berichtet und so dem Lesenden die alten Fragen stellt: Was ist Liebe? Wie weit geht sie? Wohin führt sie? Wie können Menschen überhaupt zusammenleben, ohne sich gegenseitig in ihrer Natur zu behindern oder gar ihre Natur zu verleugnen? Ohne Sprache kehrt man schneller zu dem zurück, was zwei Menschen als Verliebte aneinander bindet? Zwei Menschen? Ist Silvia noch ein Mensch? Aber ja, sagt Mr. Tebrick und führt als Zeugen sein unbeugsames Gefühl an, beteuert: „So sehr du dich auch verändert haben magst, Silvia, meine Liebe verändert sich nicht.“ Am Ende der kurzen Geschichte ist die schöne Fähe tot. Warum? Ein Grund hat viele Gründe.


Barbara Köhler: Istanbul, zusehends, Gedichte, Lichtbilder; Lilienfeld Verlag 2015

Die Dichterin Barbara Köhler hat als Stipendiatin im Frühjahr 2014 in Istanbul gewohnt, im touristischen Stadtteil Beyoğlu, dessen Einkaufsstraße in den Taksim-Platz mündet, genau dort, wo 2013 der Protest, nein, der Kampf gegen die Regierung Erdoğan stattfand. Als Barbara Köhler nur wenige Monate später sich ebendort mit Schreibblock und kleiner Digitalkamera durch die Straßen treiben ließ, fand gerade ein aggressiver Kommunalwahlkampf statt, flankiert von täglichen Polizeiaufgeboten mit Maschinengewehren und Wasserwerfern. Barbara Köhler war in jenem Frühjahr zum ersten Mal in einem muslimisch geprägten Land, und Istanbul schien auf den ersten und auch auf die darauf folgenden Blicke eine Zumutung zu sein, der sie etwas entgegenhalten musste. Die Dichterin entschied sich für eine kleine Digitalkamera. So von ihrer „Knipse“ begleitet und beschützt, hat sie sich auf Streifzüge gewagt. Abends hat sie mit vom Sehen wunden Augen vor dem Rechner das geknipste und notierte Material ausgewertet und es auf der eigenen Sprach und Bildachse neu für sich geordnet. Sichtbar wurden die vielen Augen der Großstadt und der eigene Blick. Entstanden ist ein Lyrikband mit 23 gedichtnahen Texten und Fotos. Sprache und Bild streifen die fremde Welt und halten in Momenten größter Scheu bei den tausend Mustern dieser Stadt gern inne, um deren Einzigartigkeit aufzudecken mit der Frische des ersten Blicks.

Patrick Modiano, Damit du dich im Viertel nicht verirrst, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Hanser Verlag 2015

Patrick Modiano ist ein Erinnerungsfetischist. Jedes neue Buch, so hat er im Dezember in Stockholm gesagt, lösche im Augenblick des Schreibens das vorangegangene aus. Er schreibe von einem Vergessen zum nächsten. Doch häufig kehren in seinen Büchern dieselben Geschichten wieder, als wäre gerade das Nichtvergessen der Stoff, aus dem sie sind.
Auch in seinem neuen Buch „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ ist Modianos Glühpunkt ähnlich wie in den vorangegangenen. Gekonnt schiebt er die Zeiten ineinander, so dass man beim Lesen oft nicht weiß, ist dies flüchtige Gegenwart oder gegenwärtigste Vergangenheit. In diesem Modiano-Kosmos verschwinden Menschen, Todesfälle bleiben ungeklärt, nächtliche Cafés und Autowerkstätten sind nicht Kulissen, sondern Hauptrollen, zerfledderte Adressbücher werfen bei ihrem Wiederauffinden plötzlich lange Schatten, längst vergessene Name werden wieder wach mit den ungültig gewordenen Telefonnummern dazu. In Modianos Geschichten wimmelt es von Namen, wie es auf Friedhöfen von Namen wimmelt. Ob das alles also autobiografisch ist?
Geboren wurde er 1945 als Kind eines jüdischen Griechen und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten. Beide haben sich nicht besonders um ihn gekümmert. Viele der Erzähler in Modianos Romanen haben genau solche Mütter und Väter wie er. Sie sind Schauspielerinnen wie seine Mutter oder zwielichtige Geschäftsleute wie sein Vater.  Modinao sagt, dass gewisse Episoden der Kindheit später der Nährboden für seine Bücher geworden seien. Im vergangenen Jahr in Stockholm bekamen er und das Kind, das er war, den Nobelpreis für Literatur. In diesem Jahr ist er siebzig geworden.

A.L. Kennedy, Der letzte Schrei, aus dem Englischen von Ingo Herzke, Hanser Verlag 2015

Sie hat Schärfe und Charme und stellt erzählend eine Intimität her, die nie peinlich, aber manchmal anstrengend ist. Was sie schreibt, glaube ich sofort. Ihren Figuren nehme ich jedes Gefühl, jede Absurdität ab. Denn sie stellen nichts dar, sondern sie s i n d. Selten reden sie dialogisch, sondern meistens in den eigenen Kopf hinein und sind dabei so ungebremst aufrichtig wie ihre Verfasserin A.L. Kennedy - nehme ich an.
Alison Louise Kennedy, Jahrgang 65, ist in Schottland geboren. Sie tritt bisweilen in Stand up Comedies auf und ist eine scharfe Kritikerin der britischen Regierung hinsichtlich des Irak-Kriegs. Worum es in den dreizehn Geschichten im neuen Erzählungsband geht? Da ist ein Mann, der vögelt seine Putzfrau immer mittwochs, weil Mittwoch ist. Da ist ein Junge am Meer, der sich von seiner jungen, zärtlichen Hündin trennen muss, weil Vater und Mutter sich geschieden haben. Da ist die Soldatin an einem traurigen Nachmittag in Blackpool, ausgeliefert irgendwelchen billigen Kirmesvergnügungen, einem trostlosen Wetter und dem Freund, den sie nicht mehr liebt, während sie ständig an ihren smarten Anwalt denken muss, der sie hasst. In Zypern, im Irakkrieg, hat sie Spiele gespielt, mit Männern, die nackt waren - bis auf die Kapuzen. A.L Kennedy zieht mit rüder Zärtlichkeit hinein in die Mitte einer Situation, in die Mitte einer Person. Die nötigen Informationen über Figuren, die andere Autoren umständlich in ihren Text hineinbasteln, liefert bei ihr der Moment, aus dem heraus sie sprechen.

Georgi Gospodinov, Physik der Schwermut, Droschl Verlag 2014

Der Titel ist mehr als ein Versprechen, ist eine kühle Verheißung, in der sich - nur durch ein DER verbunden - Seele und Naturwissenschaften auf engstem Raum zu paaren versuchen. Gospodinovs Roman "Physik der Schwermut" vereinigt Geschichten, Listen, Dokumente, Mythen, Märchen, physikalische Überlegungen, Zitate und Erinnerungen, auch sehr persönliche, zu einem ständig sich verändernden Bild des vergangenen Jahrhunderts. Was man ihm nicht erzählt, denkt er sich mit großer Empathie aus, und er kann sich mit dieser Kraft des Herzens oder Seele sogar erinnern an jenen Zaun aus Minuten, hinter dem die Nichtgeborenen sitzen und beim Anblick einer Welt, auf der sie noch nicht sind, den Kopf einziehen oder aufatmen.
Schwermut ist das Grundthema in Gospodinovs Buch. Er erzählt von der Schwermut in seinem Land Bulgarien, von der Schwermut in Europa, ein Thema, das sich nicht gut verkauft, es sei denn, man weiß und will auch darum wissen, dass wir in einer Welt leben, in der wir, vielleicht, des Nachts noch träumen, wir hätten das Wichtigste im Leben vergessen, und wenn wir dann morgens aufwachen, haben wir vergessen, was das Wichtigste war.
Wenn Gospodinov, geboren 1968 in Bulgarien, erzählt, entsteht ein clandestiner Klartext, den nur versteht, wer dazu gehört oder dazu gehören will. Nein, man muss für diese Texte nicht gebildet sein. Man lernt mit ihnen das Ahnen, das Zusammenspüren von Vergangenheit und Zukunft.
"Physik der Schwermut" hat mich als Mensch, der lebt , liest, schreibt, einmal mehr davon überzeugt, dass es nicht gut gemachter Fiktion bedarf, damit ich in den Sog eines Buches gerate. Was Gospodinov erzählt, stimmt, hat fragile Gültigkeit. Beim Erzählen verdrängt er nicht Langeweile, sondern er schenkt mir Zeit. Ein Zeit, die ich so nicht gehabt hätte.

Margriet de Moor, Mélodie d´amour Carl Hanser Verlag, 2014

Melodie d´amour, der neue Roman der niederländischen Schriftstellerin Margriet de Moor, die einmal Klavier und Gesang, später auch Kunstgeschichte und Archäologie studierte, erzählt von der Liebe. Besser, von Lieben, die gross sind, aber nicht größer als der Tod. Das hat etwas Ernüchterndes, das hat etwas Erlösendes. Das hat seine eigene Größe. Die vier Geschichten sind auf musikalische Art miteinander verwoben. Motive kehren wieder, ergänzen, widersprechen einander und überraschen den Leser.
Eins: Atie verzeiht ihrem Mann Gustaaf die Beziehung zur Untermieterin Marina nicht, auch wenn die beiden Frauen selber miteinander befreundet sind. „Aber Freundschaft ist die zerbrechlichste Form von Liebe“, sagt Margriet de Moor. Als Atie nach langer schwerer Krankheit stirbt, tragen ihre vier Söhne, unter ihnen der jüngste, Luuk, an einem 10. November 1970, den Sarg mit der Mutter darin in die Amsterdamer Regennacht hinaus, damit Gustaaf von seiner Liebe Abschied nehmen kann. Denn betreten darf er Aties Haus nicht mehr, und das Verbot gilt über den Tod hinaus. Zwei: Luuk, der jüngste Sohn von Atie und Gustaaf, verheiratet mit Myrte auf ewig, lernt Cindy in einem Café kennen, die ihn vom ersten Blick an liebt, bis die Vernunft verbrennt. Drei: Die Nachfolgerin von Cindy heißt Roselynde. Es ist eine Affäre voller Harmonie, denn Roselynde, die einmal ihren Bruder liebte, hat mit jener ersten Leidenschaft das Schlimmste hinter sich. Sie ist an einem Junimorgen 1957 bei den Wäldern südlich von Nymwegen ein anderes Mädchen, das ihr selber ein wenig, aber dem von ihr abgöttisch geliebten Bruder Rogier so ganz das Herz stahl, im Spiel unter den Zug getrieben. Vier: Luuk hat eine zauberhafte Mutter, mindestens zwei Geliebte und eine Ehefrau Myrte, die ihren freundlichen Blick nicht gern auf die Augen eines anderen Menschen fokussiert. Myrte weiss von Luuks Affären, aber schläft nicht ungern allein. Denn sie hat lange vor Luuk den Vater einer Freundin so leidenschaftlich geliebt, dass alles, was danach kommt, nur noch Beziehung sein kann. „Das Wie, meine Lieben, ist meist sehr viel relevanter als das Warum. Es ist auch menschlicher“, sagt Margriet de Moor.

Ende: Es gibt den Duft von Flieder und Wäsche wie bei Sylvia Plath, es gibt eine Nacht mit Stromausfall in einem kleinen Ort an der Küste, in der die Menschen sich alles erzählen, so wie auf einer Lesereise von Margriet Moor vor vielen Jahren, die an einem Samstag in Eisenhüttenstatt Station machte.

Patrick Modiano: Der Horizont, aus dem Französischen von Elisabeth Edel, Hanser Verlag 2013

Wieder ein nächtliches Café , eine Autowerkstatt, ein Zimmer unter dem Dach, weit ab von der Welt, eine Liebe, die nicht von großer Dauer ist, - wieder ist hier der Erinnerungsfetischist Patrick Modiano am Werk und sein alter ego heisst Jean Bosmans. Obwohl Modiano in der dritten Person erzählt, höre ich Bosmans, diesen Chronisten einer rätselhaften Margarete Le Coz, deutlich ICH sagen, während er von seiner scheuen Liebe zu ihr erzählt und von all den anderen Kerlen, mit denen diese Frau verstrickt zu sein scheint. Margarete Le Coz, geboren in Berlin Reinickendorf, aber Französin und Jean Bosmans, der die Restbestände eines esoterischen Verlags in einer ehemaligen Autowerkstatt mit greisenhafter Jugendlichkeit betreut, werden bei einer Demonstranten in einem Pariser Metroeingang gegeneinander geschubst. Das muss so um den Mai ´68 herum gewesen sein. Das Ende wohnt der Beziehung von Anfang an inne und gibt ihr den flüchtigen Ernst, - flüchtig wie Margarete und ernsthaft wie Bosmans.. Bosmans und Margarete drücken ihre Wunden aufeinander und wachsen so scheu zusammen. Bosman wird von der Frau verfolgt, die angeblich seine Mutter ist. Ständig will sie Geld von ihm. Margarete wird von einem Mann namens Boyaval bedroht, Boyaval, der Hagere, der Killer, von dem keiner weiss, wann und ob er wirklich tötet. Boyaval ist ein Stalker, der Margarete nachstellt aus dem Grund, den alle Stalker haben. Er will sie zum Opfer machen. Eines Tages verlässt Margarete Hals über Kopf Paris und nimmt sie den Nachtzug nach Berlin. Bosmans liebt sie in ihrer Abwesenheit weiter. Sie wird wieder erscheinen, sagt Modiano. Leute waren in ihrer Jugend miteinander befreundet, sagt er, doch nicht jeder altert. Vierzig Jahre später begegnen sie sich wieder, der eine alt, der andere so, wie man ihn verließ. Tot, frage ich, Eines Tages, schreibt Modiano, wenn man lange genug still in der Sonne gestanden hat, wird es möglich sein, durch die unsichtbare Mauer zu dringen, die diese Zeitkorridore voneinander trennt.
Nennt man das sterben?

Albertine Sarrazin, Astragalus, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, mit einem Nachwort von Patti Smith, Hanser Berlin 2013

Wie ich sie mir Albertine Sarrazin vorstelle? Jedes Mal, wenn sie vor dem Spiegel den halbmonddicken Lidstrich nachzog oder sich eine Gitane anzündete, entwarf sie zu viele Bilder von sich selbst, glaube ich. Die Hauptfigur ihres Romans ASTRAGALUS ist Anne, neunzehn. Anne sitzt sieben Jahre ein, wegen eines bewaffneten Raubüberfalls. Eines Nachts springt sie von der Gefängnismauer, verletzt sich am Knöchel schwer und wird von einem Mann namens Julien aufgelesen. Ein Ex-Häftling, das riecht Anne sofort. Auf dem Weg zu seinem Motorrad, das in einer Nacht der dunklen Bäume auf sie wartet, klammert sie sich auf dem Rücksitz an ihn. Ein neues Zeitalter beginnt, sagt sich Anne.
Dass ein neues Zeitalter begann, hatte wohl auch Albertine Sarrazin gespürt, als sie wie ihre Heldin tatsächlich von der Gefängnismauer sprang. Albertine, oder Anne, egal, beide sind sie Findelkind aus Algier, werden Adoptivkind eines ältlichen französischen Ehepaars, werden aufsässig und später abgegeben in einer Erziehungsanstalt in Marseille, aus der Albertine mitten im mündlichen Abitur per Autostopp nach Paris flieht, wo sie – Vorbild für Anne  - von Ladendiebstahl und Prostitution und den tausend Blicken auf der Strasse lebt, die sie liebkosen, bis Albertine, in der bereits Anne steckt, eines Tages bewaffnet eine Boutique überfällt und sieben Jahre dafür in den Knast geht, als Insassin 504, die auffällt wegen ihrer hohen Intelligenz und ihrer ebenso hohen moralischen Verwerflichkeit. Am Karfreitag 1957 springt Nummer 504 von der Gefängnismauer und landet nach zehn Metern in den Armen jenes Mannes, der die Leidenschaft und der Weggefährte ihres kurzen Lebens werden wird, Julien. So hieß er im Leben für Albertine. So heisst er im Roman ASTRAGALUS für Anne. Trotzdem, dies ist kein autobiografisches, sondern ein persönliches Erzählen. Genau auf dieser feinen Grenze balanciert der Text. Nein, kein Text, ein Trapezkünstler, der weiss, das er eines Tage abstürzen wird. So entsteht Literatur? Soviel Licht, soviel Licht im Dunkeln?
Albertine Sarrazin starb mit 29 Jahren als erfolgreiche Romanautorin.


Orhan Pamuk, Die Unschuld der Dinge, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Hanser Verlag 2012

Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat in diesem Frühjahr sein „Museum der Unschuld“ in Istanbul eröffnet. Es geht um die Verwirklichung einer Idee, sagte er in einem Interview, die niemand zuvor gehabt hat. Die 83 Vitrinen im „Museum der Unschuld“ entsprechen den 83 Kapiteln seines gleichnamigen Romans und tragen auch dessen Überschriften: „Eifersucht/Ist es vielleicht normal, dass man seine Verlobte einfach sitzen lässt?/Meine letzte Begegnung mit ihr.“ Das Museum ist also eine Art begehbarer Roman, der von einer unglücklichen Liebe erzählt. Der Romanheld archiviert wie sein Erfinder Pamuk die Beziehung in Dingen, auf die Glanz und Schatten ihrer Liebe gefallen ist. Tausend Sachen, auch ein Damenschuh, ein altes Radio, ein Ohrring, die Hand einer Puppe, ein Führerschein und leer getrunkene Gläser sind dabei. Jetzt liegt im Hanser Verlag das Buch zu dem rot verputzten Haus in der Cukurcuma Strasse vor. Das Museumbuch heisst in Abwandlung zu Roman und Museum „Die Unschuld der Dinge“. Wenn mein Text es könnte, er würde jetzt lächeln. Dass es dieses Museum nun tatsächlich gibt, heisst, dass die Geschichte des Romans den Sprung von der Fiktion in die Realität geschafft hat, heisst aber auch, dass etwas geglückt ist, was selten nur glückt, und am ehesten noch im Tanz, in der Choreographie. Oder in der Malerei. Dass nämlich Zeit zu Raum wird. Also innehält. Also bleibt? Ja, etwas bleibt, sagen die Stimmen der Dinge aus ihren Vitrinen, arrangiert zum Chor. Etwas bleibt von jeder Liebe.


Patrick Modiano, Das Café der verlorenen Jugend, aus dem Französischen von Elisabeth Edel, Hanser Verlag

Ich bin seit dem Roman „Die Gasse der dunklen Läden“, für den Modino 1978 den Prix Goncourt bekam, eine Verehrerin des Schriftstellers. Modiano glaubt, so sagen es alle seine Bücher, an ein unsichtbares Netz zwischen Personen über die Jahrzehnte hinweg, und dass ein jeder das Gewicht seiner Geschichte vor den aufmerksamen Augen des Lesers um den Hals eines anderen legen darf. Das Suchen nach Fixpunkten und ihre Verbindung enthält die Frage, ob man sich schon einmal begegnet ist, bevor man am gemeinsamen Ziel eintraf.

Die Geschichte: Louki, Kosename für Jacqueline, hat sich als Mädchen im nächtlichen Paris herumgetrieben, bis die Polizei sie aufgriff. Die Mutter arbeitete im Moulin Rouge, wo man die schönsten Frauen der Welt sehen kann. Louki hat einen Ehemann verlassen, ist in nicht ungefährlicher Gesellschaft an düstere Orte gefahren, an die sie sich nicht erinnern möchte. Sie hat mit einem Mädchen, das die anderen Totenkopf nennen, Koks genommen. Immer wenn sie versucht hat, ein Leben mit jemandem zu teilen, hat sich ihre Einsamkeit verdoppelt. Nur mit Roland nicht? Dieser Roland wird als letzter sprechen im vierstimmigen Chor derer, die in Modianos Roman ihre poetischen Zeugenaussagen über Louki machen. Die Geschichte von Louki wird von vier Personen/Zeugen erzählt. Sie umkreisen das Geheimnis, warum Louki am Ende aus dem Fenster fiel.

Um über dieses Buch zu schreiben, bräuchte man eigentlich eine Schreibmaschine. Ich wenigstens. Denn ich habe das innere Tempo nicht mehr gefunden, um mit Modiano Schritt zu halten. Mir war beim Lesen, als ginge ich mit einem älteren Herrn spazieren, der wieder und wieder stehen bleibt, weil er nicht gleichzeitig gehen und erzählen kann. Ich habe Modiano immer gern gelesen, diesmal aber mit gemischten Gefühlen. Wie früher hat mich die Atmosphäre verführt. Gleichzeitig hat sie mich ungeduldig gestimmt. Das war, als ich jünger war, nicht so. Wenn also Modiano heute euphorisch gefeiert wird, stehe ich am Rand des Fests. Aber mit einem freundlichen Gesicht.

 
Joseph Mitchell, McSorley’s Wonderful Saloon, New Yorker Geschichten
Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Koch und Andrea Stumpf
Diaphanes Verlag, Zürich 2011


Joseph Mitchell: Journalist in extravaganter Kleidung. Er wäre lieber eines gewaltsamen Todes gestorben, als mit einem schlechten Satz erwischt zu werden. So wurden seine Reportagen zu Kurzgeschichten, nicht weil der Mann Schriftsteller sein wollte, sondern weil er einer ist. Joseph Mitchell, der Mann mit dem genauen Blick und den noch genaueren Ohren starb 1996. Er war 1929 von North Carolina nach New York gekommen. Da war er einundzwanzig. Die Herkunft aus den Südstaaten führt er selber als einen wichtigen Einfluss für sein Schreiben an, das er in zwei Sätzen zusammenfasst: „ Mein Thema waren nicht die kleinen Leute. Sie sind so groß wie du und ich, ganz egal, wer wir sein mögen.“
Seine Reportagen aus den Jahren zwischen 1938 bis in die Fünfziger, die er für den New Yorker schrieb, sind jetzt auf Deutsch erschienen. Es sind Porträts über Menschen, auf die selten jemand genau schaut, geschweige denn dass einer den Scheinwerfer auf sie richten würde. Joseph Mitchell geht in die Hafen- und Einwanderungsviertel, er geht in die Kneipen. Er geht zu den Verrückten, den Predigern und Bettlern, zu den Zigeunern und auch zu Mazie Gordon, die an der Kinokasse des Venice Theaters in der Park Row sitzt, da wo die Bowery beginnt, da wo auch McSorley’s ist, die älteste Kneipe der Stadt, der Saloon, der Mitchells New Yorker Geschichten den gemeinsamen Familiennamen gegeben hat.
Eines Tages, dreißig Jahre vor seinem Tod, hört Mitchell auf zu schreiben, kommt aber noch jeden Tag in die Redaktion. Man hört ihn sogar tippen, hinter verschlossener Tür. Seltsam ist meine Leseerfahrung mit diesen in dem Band „McSorley’s Wonderful Saloon“ versammelten Geschichten. Das Buch ist 416 Seiten dick, aber eigentlich ist es noch viel dicker, wenn man es genau liest. Denn die Texte, die Mitchell in den letzten dreißig Jahren seines Lebens nicht mehr geschrieben hat, sind mit dabei, unsichtbar, aber lesbar, wenn man genau hinschaut und genau hinhört, wie es der Autor einen gelehrt hat.


Stewart O'Nan, Das Glück der anderen
Deutsch von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag


Empfohlen hat mir das Buch eine Frau, die eigentlich Filme macht. Das Besondere sei nicht nur die Geschichte, sondern auch die Perspektive, sagte sie. Wie jeder Erzähler bin ich an der Perspektive interessiert, vor allem, wenn sie so ungewöhnlich ist wie bei O´Nan.
„Das Glück der anderen“ spielt nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Jacob Hansen, Sheriff, Prediger und Leichenbestatter lebt mit Frau und kleiner Tochter in Friendship/Wisconsin. Friendship ist eine sterbende Bergarbeiterstadt, über die mit apokalyptische Wucht eine Seuche hereinbricht. Diphtherie? Oder Schlimmeres?  Als zwanzig Menschen gestorben sind – auch Frau und Tochter von Hansen, was er jedoch verheimlicht, weil er mit den Toten weiterlebt, als sei nichts geschehen – verhängen Arzt und Sheriff Quarantäne über die Stadt. Zu spät. Alles ist noch viel unheimlicher und existentieller als ich hier andeuten kann.
Und die Perspektive?
O´Nan wählt die 2. Person Singular. Er erzählt sich selber, was geschieht, während es geschieht. Er sagt DU und meint damit sich selbst und vielleicht auch Gott. Als Leser ist man in eine beklemmende Intimität mit hinein gezogen und fühlt sich bei so manchem DU auch angesprochen. Man wird auf eine seltsame Art neugierig auf Gott, auch wenn Hansen immer mehr mit diesem hadert.
Seltsam ist meine Leseerfahrung mit diesen in dem Band „McSorley’s Wonderful Saloon“ versammelten Geschichten. Das Buch ist 416 Seiten dick, aber eigentlich ist es noch viel dicker, wenn man es genau liest. Denn die Texte, die Mitchell in den letzten dreißig Jahren seines Lebens nicht mehr geschrieben hat, sind mit dabei, unsichtbar, aber lesbar, wenn man genau hinschaut und genau hinhört, wie es der Autor einen gelehrt hat.


T.S. Eliot, Das öde Land
Neu übersetzt von Norbert Hummelt, Suhrkamp Verlag


Mit der  Sprachsonde stöbert er in den Hinterlassenschaften der Jahrhunderte herum, während er gleichzeitig heimatlos durch seine eigene Zeit streunt. Dabei herausgekommen ist eine Ikone der Moderne. Das Langgedicht "The Waste Land" (1921) Die Lektüre von Shakespeares "Sturm", von Bibel, Baudelaire, Augustinus, Dante, Hesse, um nur Weniges von Eliots verinnerlichter Bibliothek aufzuzählen, hat bei Eliot unauslöschliche Bilder in der Seele hinterlassen, die heute noch bis zu uns herüber leuchten, weil er dafür eine Sprache fand. Eliot war einer, der sich bezog auf das, was auf ihn eindrang, egal ob es sich dabei um die Stimme des blinden Sehers Teiresias aus der Antike oder das Stimmengewirr in der U-Bahn, egal, ob es sich um den Jazz Rhythmus aus einem Pub, oder das rhythmische Erlebnis beim Lesen von Terzinen handelte. Und das alles hat er in ein "Stück rhythmischer Quengelei" verwandelt, sagte er selber. Diesen Kulttext hat jetzt Norbert Hummelt (Jahrgang 1962) mit dem Titel  DAS ÖDE LAND neu übersetzt. Mir gefällt diese Übersetzung. Sie ist direkt, fast flapsig. Sie wird in zwanzig Jahren – aber welche Übersetzung hat das Schicksal nicht? – auch überholt sein. Sie ist es jetzt schon fast schon, willentlich und wissentlich, denn sie lehnt sich an die Sprache der achtziger Jahre an. Die Übersetzung nimmt die Bewegung und Bewegtheit des ersten Lesens von Hummelts Generation wieder auf und setzt Eliot nicht auf eine Kunstsäule, die mehr Respekt abverlangt als der Dichter der "rhythmischen Quengelei" es selber je wollte.
Stewart O´Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren, arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte Literatur. Für seinen Debütroman „Engel im Schnee“ bekam er 1993 den Faulkner Preis.

Uwe Kolbe, Diese Frau, Liebesgedichte
Mit Farbholzschnitten von Hans Scheib, Insel-Bücherei Nr. 1297
 
Ein zwanzigjähriger Wehrdienstleistender, ein dreißigjähriger
Entdeckungsreisender, ein vierzigjähriger Familienvater und ein
fünfzigjähriger Schriftsteller legen hier gemeinsam ihre Liebes-
gedichte vor. Sie tun dies unter dem ein und demselben Namen ...
sagt er, Autor Uwe Kolbe in seiner Nachbemerkung.
Ich zitiere die Seite 74:

Lieblos,
nein, ohne Liebe nur,
An einem anderen Band?
Nein, auf keinem anderen Grund
als dem aus Kindersand.
Nach Jahreszeiten geordnet,
nach Feuchte und Luftdruck
und wechselnder Temperatur.
Nicht schlimm, ohne Liebe nur.

Zu Gedichten kann ich nicht viel sagen. Lese nicht oft welche. Aber
die hier, unbedingt!
 

Michael Ondaatje, Divisadero, Hanser Verlag


Der Farmer kommt mit der neugeborenen Tochter Anna allein aus dem Krankenhaus zurück. Seine Frau ist im Kindbett gestorben wie die Mutter der kleinen Claire. Also hat er Claire, den Wechselbalg, auch gleich mitgenommen. Jetzt ist er Witwer mit drei Kindern, denn daheim wartet noch der Nachbarssohn Cooper, Vollwaise. Er war vier, als er als einziger ein Gewaltverbrechen überlebte, das seine Familie auslöschte. Alle Geschichten gehören irgendwie zusammen. Alles, was gerade noch gesagt ist, ist auch gleich wieder etwas anderes, und was diese Welt von „Divisadero“ in ihrem Innersten zusammenhält, das ist die Schönheit von Michael Ondaatjes Sprache. Sie ist so kräftig und schön wie das Gesicht von Cooper, in das sich seine Schwester Anna verliebt, die nicht seine richtige Schwester ist. Coopers Gesicht hat auf Fotos keine deutlichen Züge, keine Physiognomie, die Ondaatje in feste Sätze gefasst hätte. Die Geschwister Anna und Cooper, die mit Claire zusammen ein dreiteiliger Paravent sind, jeder für sich eine Einheit doch mit den anderen beiden zusammen ein Ding voller Überraschungen und Schattierungen, erwischt der Alte bei der Liebe. Schuld ist der warme Regen. Der Regen macht melancholisch und weckt die schmerzliche Lust auf Liebe, die einen anfällt, wenn Glücklichseinwollen und Traurigseinmüssen streiten, bis man selber nicht mehr Mensch ist, sondern Wetter. Als der Alte die beiden erwischt, schlägt er Cooper die Seele taub, den Körper fast tot, und Anna rammt dem rasenden Vatertier eine Glasscherbe tief in den Rücken, was ihm für immer das Herz bricht. Die Szene ist anderthalb Seiten kurz, aber hat mich verschreckt, aber ebenso mit  Anna, Cooper, Claire und den Alten für den Rest des Buches verbunden. Ich möchte mit ihnen bis zur letzten Seite und noch weiter gehen. Doch während Ondaatje seine Geschichte Divisadero fortschreibt, lässt die frühen Fäden fallen und springt hinein in eine andere Geschichte, rüber nach Frankreich, zu anderen Schicksalen. Schon klar, so eine Komposition, die diese biographische Wehmut bei mir anrichten kann, schreibt sich nicht schlicht an einem Strang entlang fort . Nach jedem Komma wartet die nächste Überraschung. Trotzdem, ich habe erst Anna und dann Cooper vermisst, während ich weiterlas.
Nachdem der Alte die Liebenden Cooper und Anna auseinander prügelte, und damit aus der wichtigsten Zeit ihres Lebens vertrieb, floh Anna, um viele, viele Jahre später in der Gegend von Toulouse und auf den Spuren eines Dichters namens Lucien Segura, berühmt am Anfang der vorigen Jahrhunderts, anzukommen, wo sie dessen Lebensspuren zu einem Bild zusammenschiebt und bei dieser Montagearbeit sich selber ausbessert, - sich selber befragt, ohne laut Antwort zu gebe, bis eines Tages nicht ein warmer Regen, sondern ein nächster Mann über die Wiese herüber in ihre Einsamkeit hinein geschlendert kommt. Er ist ein Sänger, ein Zigeuner, mit Kräutern in den Hosentaschen. Er fängt an zu erzählen. Sie fängt an zu erzählen. Erzählen heilt.
Michael Ondaatje, der Autor von Romanen wie „Der englisches Patient“. „Buddy Boldens Blues“ oder „Anils Geist“, ist ein Stimmenarrangeur, ein Bildermaler, ein Choreograph der Gefühle. Er liebt den Jazz. Unsentimental, mit viel Kraft setzt er seine Stoffülle in einem eigenen Zeit-und-Raum-Schema zusammen, bis Sequenzen sich einschreiben, als seien sie ein Stück von einem selbst, das man noch nicht gelebt hat. Längst habe ich begriffen, ich muss mich hinsetzen und das Buch noch einmal lesen, wenn ich Anna und Cooper wiedertreffen will. Ihre Liebe ist bis zu letzten Seite da. Sie ist da in der Form.


Zeruja Shalev, Liebesleben, Berlin Verlag

Ihr Leben ist in Ordnung, mehr als das anderer junger Frauen. Sie muß nicht an der Kasse eines Supermarkts arbeiten, sie sieht gut aus, hat eine Karriere an der Universität vor sich, hat einen Mann, der etwas schafsgesichtig, aber lieb und zutraulich und treu ist, sie haben gemeinsam eine schöne Wohnung mit flauschigen Badehand-tüchern und gelb gestrichenen Wänden.  Sie und er nennen sich Wühlmäuschen und Biber, die Kindersprache derer, die keine Kinder haben und stattdessen  allmählich selber kindisch werden. Je mehr sie den Wunsch nach Leidenschaft am weichen Körper ihres freund-lichen Mannes vergißt, desto unbeherrschter wird sie eines Tages Leidenschaft überraschen.
Die Tür zu Ja ’aras bisherigem Leben fällt zu  als ein Fremder ihr die Tür zur Wohnung ihrer Eltern öffnet.  Da ist es um Ja ’ara geschehen. Die eigene Bedürftigkeit muss ihr bisher nicht klar gewesen sein, aber mit klarem Bewusstsein schaut sie zu, wie  die Ja ’ara, die sie mal war,  eine Liebesversessene wird und eifrig dabei ihr Leben verpfuscht.
Ich muss noch etwas zur Autorin sagen. Zeruya Shalev, Jahrgang  1959, hat mit Liebesleben ihren  zweiten Roman geschrieben. Sie ist im Kibbuz Kinneret geboren  und lebt in Jerusalem. Die Sprache, mit der sie sich auf diese amour fou stürzt, treibt die Figur der Ja ’ara an und um, macht auch ihren Wahnsinn deutlich. Jedes gerade eben gefundene Wort hat einen Gegner, der ist das  nächste Wort.  Den Sätzen legt sie die Schraube an und dreht an ihnen so lange, bis ein Sog entsteht, der erleichtert in den nächsten Satz entlässt. Und doch wieder nicht. Man kommt von einer Not in die nächste, und das Netz, das den Leser auffängt, ist eine der Autorin eigene Komik.  Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich und formal ist es ein schönes und mutiges Buch


Innenbalkone

Sie hat mir sehr gefallen, als ich sehr jung war.
An einem Tag kurz nach Nikolaus stand ich in der Bücherei unserer
Kleinstadt, die ungefähr dreimal so groß war wie unser Wohn-
zimmer Zuhause, und fragte die Frau mit der Hasenscharte an der
Ausleihe, ob ich mal rüber gehen dürfe von der Kinderbücherei
in die Erwachsenenbücherei? Dort war der Bodenbelag grün, auf der Kinderseite war er rot. Wie alt bist du denn, fragte die Frau mit der Hasenscharte. Vierzehn, sagte ich, und musste mich nicht einmal
auf die Zehenspitzen stellen. Gut, dann geh, sagte die Frau mit der
Hasenscharte. Ich zögerte: Aber Erwachsenenbücher, die sind doch nicht immer in Reimen geschrieben, oder?
Es war das erste Mal, dass ich die Frau mit der Hasenscharte lachen sah. Der Anblick war unheimlich, und ich ging eilig von Rot nach Grün. Das erste Buch, dass ich aussuchte, nahm ich wegen des Einbands mit. Es war eine Tänzerin darauf, und der Titel hieß: Menschen im Hotel. Mit dem Buch bin ich dann eine Woche lang sehr glücklich gewesen, und deswegen suchte ich am nächsten Freitag, als ich es zurückgab, ein Buch mit einem ähnlichen Cover . Ein weiteres Buch vom gleichen Autor zu suchen, darauf kam ich damals nicht.
Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass der Autor eine Autorin war.  Übrigens, meine Mutter hat eines der Bücher dieser Autorin
auf dem Klo gelesen, in den fünfziger Jahren, kurz bevor sie ge-
heiratet hat. Auch meine Großmütter lasen sie. Meine Großmütter
waren beide Dienstmädchen, meine Mutter war Verkäuferin, und
meine Tante, an die sie ihre gelesenen Bücher weiter verlieh, auch.
Ich stehe also in einer gewissen Tradition, mit meinem literarischen
Geschmack.
Was, nach eigener Aussage bei der Autorin meines ersten Er-
wachsenenbuchs am stärksten die Eingebung stimuliert, ist Geld!
Das gefällt mir. Langsam im Denken zu sein bedeutet, schnell beim Schreiben zu sein, sagt sie. Das gefällt mir auch. Ihr Anlauf zum Schreiben, so habe ich später einmal gelesen, ist aus der Not geboren. Ihr erster Mann war seiner eigenen Begabung als Dichter und Redakteur einer kleinen Literaturzeitschrift so sehr verfallen, dass er kaum noch schreiben konnte. Er ließ sie die Geschichten,
die man bei ihm in Auftrag gab, produzieren, unterschrieb die fertigen Manuskripte und strich das Geld für den gemeinsamen Haushalt ein. Was sie dazu sagte? An einem Mann gefalle ihr sein gutes Aussehen, sagte sie. Verführbar sei sie durch Schönheit, Männlicher Intellekt interessiere sie erst in zweiter Linie. In ihren Büchern wimmelt es deswegen auch von schönen, dafür wenig schlauen Männern, die immer eins gemeinsam haben: Sie rauchen. Gefällt mir auch, im Leben und in der Literatur. Um ihre Bücher, die melodramatisch sind, genießen zu können, muss man sich in einem Zustand der Gnade befinden, der Unwissenheit, auf dem Nullpunkt des Bewusstseins. Aber für die Ökonomie meines psychischen Haushalts sind solche Bücher ebenso unerlässlich und wichtig wie Träume. In diesem Zustand gefalle ich mir, - besser, falle ich mir weniger auf die Nerven. Ich will die Stunden mit einem Buch von ihr nicht missen, Stunden, die sind wie ein langer, müßiger Nachmittag auf dem Balkon.
Wer sie ist?
Eines Tages, erzählt sie (die Autorin), als ihr Ältester ungefähr zehn Jahre alt war, warf er beide Arme um ihren Hals und verkündete liebevoll: Ich habe jetzt alle deine Bücher gelesen, Mutti. Worauf sie erwartungsvoll fragte: Na, und wie gefallen sie dir? Er streichelte ihr Gesicht. Ach, arme kleine Mutti, die sind ja so blöd und langweilig. Sagte der Sohn von Vicki Baum.


Peter Stamm, Agnes, Arche Verlag

Ein junger Mann lernt in einer Bibliothek eine junge Frau kennen,
die keine besondere Schönheit ist, aber ein Geheimnis hat, ein Geheimnis, das wie eine Selbstverständlichkeit in ihre Augen gehört. Sie spricht über den Tod. Sie gehen Kaffeetrinken. Sie sprechen über das Leben. Sie sitzen auf einer Treppe vor der Bibliothek und ver-
lieben sich ineinander. Die Frau bittet den Mann, ihre gemeinsame Geschichte zu schreiben. Er geniert sich. Er tut es. Die Frau zieht
mit einem Bein zu ihm und wird schwanger. Der Mann will das Kind nicht. Da verliert er die Frau zum ersten Mal, und als sie sich wiedersehen, hat sie das Kind verloren. Sie bittet ihn, die Geschichte des Kindes zu schreiben. Er geniert sich. Er tut es. Wenn man sich beim Schreiben schämt, dann werden die Sätze oft einen Kopf größer als man selber ist?
In Peter Stamms Roman "Agnes" beginnt das Leben, das auch möglich gewesen wäre, den Text zu diktieren. Der Text beginnt dem Leben seine anderen Möglichkeiten zu diktieren, wenn er die Wirklichkeit überholt und in die Zukunft voraus eilt. Der Mann, der schreibt, wünscht sich etwas und schreibt es hin, auch wenn er sich wieder einmal dafür schämt. Wünsche sind potentielle Handlungen,
– und einmal hingeschrieben werden sie zum Katalysator für die Wirklichkeit. Es ist bei Peter Stamm nicht so kompliziert wie es bei mir hier klingt. Sein Roman Agnes hat eine stille, ruhige Kraft, und die Gefahr, von der er berichtet, meistert Peter Stamm wie ein großer Maler. Soviel Licht, soviel Licht im Dunkeln. Unbedingt Lesen!


Daniel Pennac, Paradies der Ungeheuer, Kiepenheuer & Witsch

Der Hauptdarsteller heißt Benjamin Maulaussène, und er wird
dafür bezahlt, an allem schuld zu sein. Er ist angestellt in der Reklamationsabteilung eines großen Pariser Kaufhauses. Aufgabenbereich: Sündenbock. Die Kunden, die sich beschweren, versteht er so zu rühren, dass sie von weiteren Schadensersatzan-
sprüchen gegen die Direktion absehen. Aus Mitleid für Malaussène. Wenn Malaussène weint, vergisst jeder Kunde, was er eigentlich wollte. Denn Malaussènes Begabung ist das Erzählen. Der Autor Daniel Pennac und seine Hauptfigur Benjamin Malaussène haben das gleich Glaubensbekenntnis:  Erfinden ist nicht Lügen. Erfinden heißt. mit der Wirklichkeit so umgehen, dass sie einem abenteuerlich gut tut. Benjamin Malaussène ist als ältester Bruder sowohl der Vater seiner fünf jüngeren Geschwister als auch der seiner kindlich gebliebenen Mutter. Der Hund Julius ist der Erwachsenste in der Familie. Für die Kleinen dichtet Benjamin am Abend seinen Alltag
im Kaufhaus, um in einen wilden Roman. Der wird kurz vor dem
Zu-Bett-Gehen in Fortsetzung erzählt, damit die kleinen Brüder besser schlafen und die bereits größeren drei Schwestern den großen Bruder noch zärtlicher lieben. Die Malaussènes sind ein glückliche Familie. Eines Tages jedoch geht in Benjamins Kaufhaus eine Bombe hoch. Kurze Zeit später zeigt ein Feuerwehrmann auf den zugedeckten Leichnam, dem die Hose offen steht. Und was hat der Hund der Familie Julius auf dem Foto zu suchen? Ein altes Verbrechen wird durch Familie Malaussène aufgeklärt. Ein Krimi, nah am Märchen und nah am Milieu.



Nils Fredrik Dahl, Auf dem Weg zu einem Freund,
Kiepenheuer & Witsch


"Auf dem Weg zu einem Freund" ist ein poetischer, aber schwarzer Roman und hat zugleich eine große Wärme und Kraft – wegen eines nicht einfach zu ortenden inneren Lichts. Die Geschichte wechselt zwischen zwei Ebenen. Auf der gegenwärtigen erfahren wir, dass Vilgot, der Vierzigjährige einen Elefanten am Hals hat, den ein russischer Wanderzirkus bei ihm im Stall zurückgelassen hat, wie man eine Waise zurücklässt. Auf der Ebene der Vergangenheit erfahren wir, wie Vilgot, der Elfjährige, ständig auf dem Weg zu einem Freund, unter den Gleichaltrigen keinen findet und schließlich den Colamann trifft. "Ich bin auf dem Weg zu einem Freund", sagt Vilgot. Der Colamann nickt. "Ich kann dich fahren."
Das ist vor über dreißig Jahren gewesen.
Vilgot redet in den Jahren danach nicht, aber seine Erinnerung nimmt eine Form an, die zu schwer ist für ihn, die Form eines Elefanten. Und eines Tages steht tatsächlich ein Elefant in Vilgots Stall. Vilgot freundet sich mit dem Elefanten an. Er freundet sich mit dem fremden Gewicht in seinem Leben an. Und eines anderen Tages lässt Vilgot den Elefanten frei. Da hat das Erzählen längst begonnen.


Erich Kuby, Das Mädchen Rosemarie, Neuauflage Rotbuch Verlag

Das Buch ist 1958, ein Jahr nach dem Tod der Hauptdarstellerin Rosemarie Nitribitt, erschienen. Der Roman von Erich Kuby wurde begeistert von vielen gelesen, die sonst eigentlich nicht so gern lasen. Kuby griff den bis heute ungeklärten Mord an der Prostituierten Nitribitt auf. Sie hatte eine geheime Kundenliste geführt. Ihre Besucher gehörten in die obersten Etagen jener Konzerne, die die Garanten des Wirtschaftswunders waren. Der Roman von Kuby führt mich nah heran an diese Männer von damals, so dass sie bis sie bis zu mir herüber aus den Haaren nach Brisk riechen. Rosemarie Nitribitt ist seit bald fünfzig Jahre tot und längst vom Gesellschaftsskandal zur Ikone geworden. Wenn damals Bauknecht wusste, was Frauen wünschen, so war es Rosemarie Nitribitt, die genau zu wissen schien, was Männer wünschten. Das war ihr Marktwert. Sie war bestellbar beim Hotelportier, verfügbar  für 150 Mark die Stunde, sie war blond, schlank, traumhaft sachlich und hatte genug Verstand, nichts zu reden. Sie lächelte, ohne zuvor eine Aufforderung dazu an der Windschutzscheibe ihres dunklen Mercedes 190 SL Cabrio gelesen haben zu müssen.


Gilles Rozier, Eine Liebe ohne Widerstand,
DuMont Literatur und Kunst Verlag

Der Autor Gilles Rozier hat in jiddischer Literatur promoviert, sein Großvater väterlicherseits war Deutschlehrer. Deutsch ist eine Sprache, die einen wichtigen Platz in seiner Familie einnimmt. Er ist Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris. Sein Großvater Moyshe wurde ermordet in Auschwitz. Jiddisch ist die Sprache dieses Großvaters gewesen.
Der Erzähler, seine Schwester Anne und die dicke Mutter leben in einem schönen Haus hinter Akazien in einer französischen Provinzstadt – während der deutschen Besatzung. Die Schwester Anne gleicht ihrem Land: Sie ist leicht zu haben. Sie lässt sich beschlafen vom SS-Mann Volker, im ersten Stock des Hauses. Im Keller des Hauses versteckt der Erzähler eine Bibliothek der verbotenen Bücher in deutscher Sprache, und in der Bibliothek den Juden Herman, den er liebt und mit dem er so oft wie möglich schläft. Denn in seiner achtjährigen Ehe hat er mit seiner Frau so lange nicht geschlafen, bis sie sich umgebracht hat. Zwischen dem ersten Stock und dem Keller steht parterre die Mutter am Herd und hört von oben den Kronleuchter klingeln, wenn der SS-Mann ihre Tochter besteigt, und hört sicher auch das Rumoren im Keller, wenn ihr Sohn hinter Kistenstapeln und Weinregalen aus seiner Einsamkeit zum Leben erweckt wird von einem Herman, von einem versteckten Juden, der diesen komischen Dialekt spricht, den der Erzähler anfänglich für Berliner Schnauze hielt: Jiddisch.
Der Erzähler scheint in der Geschichte nach Jahrzehnten des Schweigens zum ersten Mal über die Vergangenheit zu sprechen. Es ist ein alter Mann, der über sein Verlangen von damals und die befremdlichen Schlupfwinkel der menschlichen Seele spricht. "Wenn ich nicht so gern mit Herman geschlafen hätte, hätte ich ihn mir irgendwann eines Tages vom Halse geschafft, davon bin ich überzeugt", sagt er. "Nur mein Verlangen nach ihm hatte mein heldenhaftes Tun gelenkt. Ich war ein lebendiges Wesen, endlich. Ich hielt aus Egoismus durch. Ich konnte nicht auf ihn verzichten. Eine wahrhafte Liebe.«


Georges Simenon, Die Nacht an der Kreuzung.
Krimi, Diogenes Verlag

Ein in einem französischen Provinznest lebender Däne entdeckt in seiner Garage den funkelnagelneuen Wagen seines Nachbarn, eines Versicherungsvertreters, und darin die Leiche eines Mannes. Sein eigenes altes Auto findet sich dagegen bei eben diesem Nachbarn wieder. Der Ermordete ist ein Diamantenhändler. Aber wer ist der Mörder? Und wer hat die Autos vertauscht und warum? Kommissar Maigret muss bald feststellen, dass in den drei an der Kreuzung stehenden Häusern nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Wer ist die angebliche Schwester des Dänen wirklich? Ist der Versicherungsvertreter so krank wie er tut? Und was spielt sich in der Autowerkstatt ab? Das Geheimnis der drei Häuser verbirgt den Mörder.
Simenon-Lesen macht süchtig. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass auch die Arbeitsweise Simenons ansteckend ist, dass jener seltsame, wie Trance anmutende Zustand des Autors, in dem der schrieb, sich auf den Leser überträgt. Dass die Abgründe seiner Seele, aus denen heraus Simenon schreibt, den Lesenden in die eigenen Abgründe drängen. So dass man mit der gleichen Dringlichkeit liest, wie Simenon schrieb. Das gibt eine Form von Nähe, als hätte man an einer Geschichte, nein, an einer Welt gerochen, in der man nur ein Buch lang leben darf. In der man glücklich ist, auch mit einem unglücklichen Ende.