Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:
Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf
.
(Heinrich von Kleist)

»
Jagd auf Penthesilea, Probennotizen von Judith Kuckart«,
Ballett International /Tanz aktuell 10/2000


2. März, Leseprobe

Vier Schauspielerinnen, ein Schauspieler, eine Bühnenbildnerin, eine Inspizientin. Ein Raum mit Klavier und Ausblick auf eine Rotbuche. Eine Regisseurin, ich nämlich. Alle sind müde und lachen zu früh. Dreißig Tage Zeit haben wir für die Proben, und Kleist ist mir ein Rätsel wie ihm Gott und das Sein. Meine Besetzung würde ihm nicht gefallen. Drei Mädchen müssen Männergriechen und Amazonenfrauen abwechselnd sein, chorisch die Texte sprechen und sich chorisch – nach einer plötzlichen Körperwendung – widersprechen, dann aus dem Chor hervortreten, als Prothoe, als Odysseus , als Bote. Nur Achill und Penthesilea sind Achill und Penthesilea. Das Trauerspiel von Kleist ist von mir an einem Küchentisch, der in Zürich steht, auf eine Stunde und zwanzig Minuten gekürzt worden, aber nicht auf den Plot hin. Es gibt keine Pferde und keine arkadischen Rosengärten mehr
Penthesilea ist Ende dreißig. Die anderen, auch Achill, sind Mitte zwanzig. Ist das eine Aussage? Meine Penthesilea wollte eigentlich Tänzerin werden und wirft sich am ersten Probentag im Spagat gegen die Wand, mit dem Textbuch in der Hand. Die Inspizientin sieht mich fragend an. Ob ich nicht noch etwas Grundsätzliches sagen kann?
(Wie soll ich das erklären, dass Kleist vielleicht so viel und atemlos schrieb, weil er eigentlich nicht schrieb, sondern nur sich bewegte, sein Ich in seiner Hand, und die Hand rastlos auf dem Papier der Spur von eiligen Sätzen folgend, die bis zu den Knien noch im Gedanken steckten. Und dann die vielen unsichtbaren Sätze, zusammengefasst im Kleistschen Gedankenstrich, in Gesten, Blicke, Schweigen übersetzen?)

3. März

Es klingelt in meiner Tasche. Penthesilea ruft an.
Warum machen wir das so, mit dem Chor?
Ich gehe um die Ecke, ich will in einem Hauseingang mit ihr sprechen.
Chor, ach Chor, hätte ich gern in dem Moment erklärt, Chor ist eine Gruppe gemeinsam sprechender Menschen, ist eine Aufregung und eine Irritation. Etwas kommt zur Sprache, das man – eben durch Sprache – längst überwunden glaubt. Im Chor behauptet sich die Sprache gegen die Sprache, behauptet sich das tragische Bewusstsein. Weil der Sinn eine andere Kraft hat, als nur Sinn zu sein.
Das fällt mir natürlich auf Anhieb in einem Hauseingang nicht ein. Ich zähle die Fahrräder an der gegenüber liegenden Häuserwand und sage etwas Ähnliches wie:
Der Chor gibt der Sprache das Rätsel zurück.

4. März

So steht es jetzt vorn auf der Strichfassung:
Penthesilea. Sie ist schwächer als ihre Gefühle, aber stärker als alle, die mit ihren Gefühlen spielen. Sie liebt Achill, zart und unerbittlich. Achill liebt sie, schleppend, aber entschlossen. Er spiegelt falsche Tatsachen vor. Er sagt, sie könne ihn haben, damit er sie endlich hat. Aus dem Spiel mit falschen Tatsachen wird ein Vorspiel für echte Träume. Liebe.
Doch was ist Liebe? Man weiß nicht, wie es mit der Liebe ist, wenn man nicht dabei stirbt.

15.-21- März, Erste Probewoche.

Welche Möglichkeiten gibt es, das Gerüst zu besteigen? Wer traut sich, herunterzuspringen? Achill, dann Penthesilea, dann alle außer Prothoe. Prothoe hat kleine Beine und kleine Füße, ein kleines Herz und schlechte Laune. Sie will die genaue Befragung des Textes, und der Bote von der Schauspielschule aus dem Osten will das eigentlich auch. Sie haben recht. Aber die Antworten liegen in der Arbeit, die folgt.
Die Arbeit ist: Zuspitzung von Handlung und Wortgefügen, Tempodehnung und -anzug, Übersetzung der Zeit in eine musikalische Zeit, um die Wendestellen durch Beschleunigung und Verlangsamung sinnfällig zu machen. Unsere Arbeit ist: dem Text seine Dimension durch die Dynamik zu ermöglichen. (Schleef).
Wie willst du mit dem Text umgehen? fragt Prothoe, als sie zum fünften oder sechsten Mal nicht springt.
Gesprochener Gesang, sage ich schnell. Zu schnell gesagt? Habe ich das gemeint?
Und wie soll das entstehen?
Durch Bewegung. Dadurch, dass es zusammen sein muss, die Stimme mit der Bewegung, die Bewegungen mit den Bewegungen der anderen und deren Stimmen.
Und, wie machen wir das?
Durch Präzision.
Wie beim Tanz.
So ähnlich, ich fühle mich ertappt.
Ich bin aber kein Tänzer. Ich will meinen Text, sagt Prothoe, aber sie lacht.
Alle, außer Penthesilea, melden sich im Sportstudio an. Penthesilea macht vor der Probe ihre Liegestütze.
Bewegtheit durch Bewegung, sagt sie. Nachdem sie mit dem Gesicht Richtung Boden zu Ende gezählt hat, steht sie auf und zieht die Knieschoner hoch.

22.-28 März

Proben unterbrochen.
Ich lese in Tübingen noch einmal: "Über das Marionettentheater".
Jede Bewegung, steht da bei Kleist selber, hat einen Schwerpunkt. Es reicht aus, diesen in dem Innern der Figur zu regieren. Die Glieder folgen, auf mechanische Weise, von selbst.
Ich rufe im Theater an. Alle fünf sollen das "Marionettentheater" lesen.

29.März, Montag

Und?
Was?
Mein Lesetipp? "Marionettentheater"?
Hat mir nicht weitergeholfen, sagt der Bote. Aber sie hat nachgeschaut: Skythien, Dardaner, Pelide, Priamus, Quadriga. Mein Bote aus Sachsen wäre eine gute Dramaturgin.
Mir hat es geholfen, sagt Odysseus, weiblich, 1,80, aus Hamburg. Mit dem Marionettentheater, das hat mir wirklich geholfen.
Ja?
Ja, sagt sie, Odysseus will eben keinen Krieg.
Ich lege eine CD ein. Massive Attack.
Für zwischen den Auftritten, für die Szenenwechsel, sage ich. Da kommen sie in Stimmung.

2. April, Karfreitag

Zehn Uhr am Morgen, ungelüfteter Probenraum. Wir haben die Fenster zur Straße hin schwarz verklebt. Nur der Magnolienbaum schaut mit Blüten, die verblühen, zum Oberlicht herein.
Penthesilea, müde, aber diszipliniert, kommt zur Einzelprobe. 15. Auftritt. Gleich am Anfang kommt einer der wenigen Sätze, die Achill hat.
Mein Schwan singt noch im Tod: Penthesilea.
Achill ist erst für morgen bestellt.
Es sind in unserer Fassung mehrere Auftritte gänzlich gestrichen, aber nicht ersatzlos. Sie sind geblieben als Momente, denen die Sprache fehlt.
Au, sagt Penthesilea im 14. Auftritt.
Sorry, sagt Achill, und das ist die ganze Szene.
Der 15. Auftritt aber, der lange Monolog Penthesileas, in dem sie von der Gründung des Amazonenstaates spricht zu Achill und dabei an die Liebe denkt mit Achill, dieser 15. Auftritt ist fast ohne Striche. Und meine Penthesilea kann den Text sowieso.
Wieso, hast du das schon mal woanders gespielt? frage ich.
Mhm, sagt sie und klettert auf das Gerüst. Ein Katze, aber mit zitternden Pfoten.
Sie sagt: Was will sie denn?
Ich sage: Sie will den Text, denn sie kann Achill nicht kriegen.
Ich sehe dabei auf ihre schwarzen Turnschuhe, die sind neu.
Sie sagt: Also?
Ich sage: Also Achill, den sie will, kann sie sich nicht holen. Sie ist gezwungen, etwas anderes zu wollen als das, was sie ursprünglich wollte. Sie will jetzt ihren Text. Der Wunsch ist damit benannt. Je mehr Text, um so größer der Wunsch. Er verdrängt den Raum zwischen den beiden.
Okay, sagt Penthesila.
Ich bin erleichtert, und sie setzt sich.
Wo soll ich hinschauen?
Schau, wo dein Kopf ist. Denn den bist du los.
Was hab ich statt dessen?
Einen Wunsch.
Und, erfüllt er sich?
Wenn Achill dir zuhört, könnte sein, sage ich.
In meinem Kopf sitzen plötzlich drei Momente auf einem. Kopf-Sprache-Schwerpunkt. Ich lege meinen Schwerpunkt in den Kopf, wie eine Marionette mit schwerem Schädel und lasse den Nacken locker. Der Kopf dreht, der Körper mit dem Rest der Glieder folgt.
Dazu musst du noch sprechen, sage ich.
Wie lange? fragt sie?
Sprechen?
Nein, drehen.
Bis du nicht mehr sprechen kannst.
Kann ich, sagt Penthesilea. Lass mich mal.
Aber dann wird ihr schlecht.
Üb‘ ich, sagt sie, und setzt sich blass auf die Heizung unter dem Fenster. Sie sieht aus wie ein Vogel, der von anderen Vögeln gejagt wurde und hat eine Dose Cola in der Hand.

Karsamstag

Achill kommt dazu. Er hat seine Brille auf und einen Pickel.
Was soll ich tun?
Zuhören, sage ich.
Egal wie?
Mhm, sage ich.
Ach so? Achill hängt sich als Fledermaus ans Gerüst. Die Bühnenbildnerin hat ihm einen langen Rock angezogen, für die Proben.
Mhm, sage ich.
Ach Neridensohn! – Sie ist mir nicht, die Kunst, vergönnt, die sanftere der Frauen.
Mhm, sagt Achill und schaut zu Penthesilea hoch.
Plötzlich ist da eine Zärtlichkeit im Raum. Kurz vor Ostern, 1999, um halb elf, wo wir alle noch nach Kaffee riechen. –
Was machen wir mit den Bindestrichen?
Ich zögere.
Morgen, sage ich, das mit den Bindestrichen. Morgen, nein übermorgen.
Okay, sagt Achill, dann lernen wir die schon mal.

Ostermontag

Sie proben auf eigene Verantwortung, hat der Intendant gesagt. Wir sind hier keine freie Gruppe, hat er gesagt. Achill und Penthesilea sitzen auf den Eingangsstufen, nah und ernst nebeneinander, und warten auf ihre Regisseurin. Mit mir – der da vom Tanz – sind sie geduldiger, neugieriger, staunen noch. Wenn ich unsicher werde, denken sie, so ist das auf dem anderen Stern bei der. Beim Ballett eben. Dafür kann sie sich aber am Gerüst hochstemmen und lacht mehr als der Regisseur, der letzten Produktion. Dürrenmatt. "Die Physiker."
Die Bindestriche, sage ich und schließe den Probenraum auf, die Bindestriche, habt ihr die?
Mhm, sagt Achill, alle.
Wir sollten sie einfach gesammelt in den Raum übersetzen, die Bindestriche, sage ich. Wir haben den 14. Auftritt gestrichen und führen ihn als stummen wieder ein. Stumm bis auf zwei Wörter.
Welche?
Die findet ihr, sage ich.
Achill soll Penthesilea an einem langen Blick durch den Raum verfolgen, dann jagen. Zwischen den beiden variiert der Abstand gemäß der Blickintensität. Mal wie ein langer, mal wie ein kürzerer Bindestrich. Dann hat er sie plötzlich durch ein Täuschungsmanöver ausgetrickst und in der Ecke eingefangen. Jungen sind schneller als Frauen. Er greift ihr Handgelenk, sie lässt sich fallen, er zieht sie sofort wieder hoch.
Au, sagt sie.
Sorry, sagt er.
Wir legen den Auftritt 14 als Bewegungsfolge fest, als Ablauf im Raum. Trotzdem bleibt die Spannung und ist jedes Mal neu, als hätten die beiden vergessen, dass sie das Ganze schon mal gemacht haben. So zu arbeiten klappt immer besser mit Schauspielern als mit Tänzern. Die Form ergibt sich aus der Spannung zwischen den beiden Schauspielern, nicht aus dem Formbewusstsein. Sie überraschen sich selbst.
Au!
Sorry!
Die Bindestriche sind hörbar und sichtbar geworden.

Freitag, 16.4.

Umzug auf die Bühne. In zwölf Tagen ist Premiere.
Prothoe ist verliebt. Das macht das Chorsprechen schwieriger. Dafür die Prothoe zärtlicher, wenn sie Achill mit einer Apfelsine besticht, um die Freundin Penthesilea zu schonen. Nebenbei flicht sie noch einen eigenen Text mit ein. Der besteht aus zwei Wörtern: Nimm mich!
Das steht aber nicht im Text, sagt Achill.
Doch, sagt sie, sonst würde sie gar nicht bis zu ihm vordringen mit ihrem Anliegen.
Wie manches regt sich in der Brust der Frauen, das für das Licht des Tages nicht gemacht, zitiert Prothoe dicht an seinem Ohr und will die Szene gleich noch mal machen.
An wen denkt sie wohl dabei, frage ich mich, an ihren neuen Freund?

26.4., Montag

Lichteinrichten.
So dunkel? sagt Herr Fäßler von der Beleuchtung.
So dunkel, ja, und auch so blau.
Das macht man jetzt so in Berlin, sagt einer der Techniker. Und die Neonröhren, wofür sind die?
Für den 24. Auftritt, wenn Penthesilea stirbt.
Woran stirbt sie denn, fragt der Techniker.
Sie zieht sich aus, sage ich. Wenn sie nackt ist, kriecht sie in die Achselhöhle von Achill.
Na ja, sagt der Techniker, Geschmack macht einsam.
Warum zieht sich Penthesilea aus, fragt der Intendant. Nicht, dass ich was dagegen hätte. Sie kann es sich ja noch leisten. Und was ist mit Achill?
Der ist tot.
Schon klar, sagt der Intendant, und warum stolpert er vorher so leise singend durch den Raum?
Es gibt Vögel, die singen, wenn sie sterben, bis sie tot sind, sage ich.
Also körperlich ist das ja auch ganz eindrucksvoll, sagt der Intendant. Was singt Achill eigentlich?
Nur "Hmhm", in eine Folge und in Ton gesetzt. Achill hat alle Bindestriche bei Kleist gesammelt, montiert und arrangiert. Die singt er.