Jetzt ist mein Roman "Kaiserstraße" abgeschlossen und hat neben der Geschichte, die er erzählt, auch noch eine Geschichte, wie er entstanden ist. Ungefähr so:
Ein Sonntagnachmittag vor zwei Jahren. Ich stieg am Frankfurter Hauptbahnhof aus und lief die Kaiserstraße hinauf. Die Anschrift war kein Geheimnis: Als am 1. November 1957 die dritte Brötchentüte vor ihrer Wohnungstür stand, hatten die Nachbarn die Polizei geholt. Rosemarie Nitribitt lag tot vor dem Sofa, von hinten erwürgt. Ein Schuh war ihr vom Fuß gerutscht und die Verwesung in den letzten drei Tagen rasch vorangeschritten, weil die Wohnung Fußbodenheizung hatte – vielleicht die erste in Frankfurt. Rosemarie Nitribitt war das berühmteste Callgirl der Adenauer-Republik. Wenn damals Bauknecht wusste, was Frauen wünschen, schien Rosemarie Nitribitt zu wissen, was Männer wünschen.
"Du bist doch keine Journalistin", sagte die Frau hinter dem Tresen zu mir, als ich nach der Nitribitt fragte, die im Haus gegenüber gewohnt hatte. "Wieso?", sagte ich. "Für eine Pressetante bist du falsch angezogen. Willst du ihre Wohnung wirklich sehen?" Als wir hinübergingen, drehte sie sich um. "Ihren Mörder hat man übrigens nie gefunden."
Es war ihr Nachmieter, der uns öffnete, er musste über achtzig sein. Die Wohnung sah nicht unordentlich aus, sondern überwuchert. Auf dem Tisch lagen die Reste mehrerer Frühstücke zusammen mit Kreuzworträtseln und Hühneraugenpflastern. Die Bilder an den Wänden dienten gleichzeitig als Kleiderhaken, durch die zerschlissenen Vorhänge drang weder Luft noch der Lärm der Straße. Ich musste an die Bilder denken, die ich im Polizeipräsidium gesehen hatte. Ein Frauengesicht, bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen und entstellt. Leider kann ich Ihnen keinen Platz anbieten, sagte der Mann und stützte sich auf einen Plattenspieler Typ Schneewittchensarg. Mit diesem Plattenspieler beginnt eine andere Geschichte, und die steht im Roman. Der Roman setzt ein am Tag vor Allerheiligen 1957 in Frankfurt am Main und endet fast fünfzig Jahre später. Erzählt wird der Lebensweg von zwei Personen: Der von Leo Böwe, Waschmaschinenvertreter, und der seiner Tochter Jule Böwe. Meine Recherchen – in dieser Wohnung, bei der Polizei, in einem Großkonzern als Spionin in eigener Sache – sind Teil des unsichtbaren Stoffs, aus dem der Roman besteht. Vater und Tochter Böwe haben ein Leben lang wenig miteinander zu tun. Was sie aneinander bindet, habe ich Kaiserstraße genannt.

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